Sonntag, 10. Juni 2018

Philip Roth – Portnoys Beschwerden (1969)



Philip Roth, der seit vielen Jahren als Romancier des höchsten Ranges in der amerikanischen Literatur gilt, verstarb kürzlich im Alter von 85 Jahren. Sein selbst auferlegtes Ende der schriftstellerischen Karriere beschloss er bereits 2012, und nur durch einige Artikel und Interviews machte er danach noch auf sich aufmerksam. Seinen Tod nahm ich mir zum Anlass, endlich einen Roman von ihm zu lesen – Portnoys Beschwerden aus dem Jahre 1969 lag schon länger auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Zurück blieb ich mit sehr gemischten Gefühlen zu dem Buch.

Der Erzähler ist Alexander Portnoy, der in einem ausufernden Monolog an seinen Psychiater, Dr. Spielvogel, sein ganzes Leben bis zum jetzigen Zeitpunkt Revue passieren lässt. Er entstammt einer jüdischen Familie, und die jüdischen Gepflogenheiten, Glaubensansätze und Traditionen haben einen besonderen Einfluss auf seine Entwicklung. Im Grunde ist ihm die ganze Religiosität zuwider, er empfindet die Frömmigkeit (insbesondere seiner Mutter) als unnachvollziehbare Heuchelei. Als Portnoy älter wird, entdeckt er die Sexualität und wendet sodann seine gesamte Kraft dafür auf, den ganzen Tag lang zu onanieren und auf vielerlei andere Arten und Weisen sich und die Grenzen seiner Umgebung dabei auszuprobieren. Das alles hat einen unbeschreiblich großen Reiz für ihn, sodass er immer verrücktere Vorstellungen auslebt. Später hat er eine Affäre mit einem gojischen (d. h. nichtjüdischen) Mädchen, das er nur Äffchen nennt. Auch hier geht es quasi die ganze Zeit um Sex. Erst wenn er seine Partnerin in eine demütigende Position bringen kann, ist Portnoy zufrieden, und umso ironischer wird diese seine Darstellung, als er von Beruf Kommissar gegen Diskriminierung wurde. Später schildert er eine Israelreise, in welcher er ganz fasziniert von der Tatsache ist, in einem durch und durch jüdischen Land zu sein.

Diese Ironie bringt einen Witz in den Text, der sich eher prüden Lesern wohl nicht erschließen wird (diese sollten aber auch einen sehr, SEHR großen Bogen um dieses Buch machen). Portnoy als Kommissar gegen Diskriminierung, im Privaten aber ein Sexbesessener – und ständig heult er dabei Dr. Spielvogel voll, von wegen wie schlecht und verwerflich und unjüdisch („gojisch“) er doch sei (gegen Ende ruft er seinen Namen einer Ekstase gleich als Portnoj-oj-oj-oj! aus). So sehr ihm das Judentum zuwider ist, so seltsam zugehörig fühlt er sich in Wahrheit dennoch. Es versprüht schon einen Hauch von Hypochondrie, sein ständiges Beklagen über sich selbst, sein Selbstmitleid, sein Selbstekel, seine Selbstverachtung… und plötzlich erscheint der Buchtitel – Portnoys Beschwerden – als überaus lustig und passend. Ohne Zweifel beherrscht Philip Roth das Erzählen auf sehr hohem Niveau. Schon nach den ersten paar Seiten wurde mir klar, dass dieser Mann wahnsinnig gut schreiben kann und meine Erwartungen für den Rest des Buches erhöhten sich stark.

Eines muss ich aber sagen: dieses Buch muss wohl das obszönste Buch sein, das ich bisher gelesen habe. Diese Darstellungen erinnern an Lektüren von Bukowski, Céline, Miller, teilweise auch Kundera oder Wallace, und mich persönlich stören diese expliziten Darstellungen als Leser tendenziell. Ich verstehe den Reiz dahinter, Grenzen des Tolerierbaren ausprobieren zu wollen – ähnlich wie Portnoy selbst probiert Roth hier scheinbar aus, wie weit er mit der Sprache ungestraft gehen kann. Da es so ungewöhnlich ist, auf solche Ausdrücke in der Literatur zu stoßen, und da über weite inhaltliche Teile in dem Buch von nichts anderem erzählt wird, als von einer losen Aneinanderreihung sexueller Erlebnisse, hat es mich eher flach über den Text denken lassen. Das hat mich nach der anfänglich hohen Erwartung sehr ernüchtert und enttäuscht. An einer Stelle, etwa kurz vor der Hälfte des Romans, wurde ich von diesem Stil, der fortwährend absichtlich ekelhaft sein will, so sehr gelangweilt, dass ich kurz versucht war, es nicht fertig zu lesen.

Dann jedoch geschah etwas Seltsames – ich konnte es nicht wirklich beiseitelegen und unvollendet lassen. Und das lag einzig und allein an der Sprachfertigkeit von Roth; so sehr mich die ständigen sexuellen Darstellungen nervten (irgendwann möchte man Roth nur noch entgegenschreien: „Ich hab’s verstanden, Portnoy ist besessen von Sex!“), so tiefsinnig, ernsthaft und auf den Punkt bringt Roth dann in einem zufällig eingeschobenen Satz Gedanken, die in der verwirrten jüdischen Identität von Portnoy mit größter psychologischer Kunstfertigkeit aufgedeckt werden. Portnoy ist eine komplexe, innerlich zerrissene Persönlichkeit, die von ihrer jüdischen Umgebung geprägt und orientierungslos in das amerikanische Leben geworfen, oft mit Antisemitismus konfrontiert und wie ohne eigenes Bewusstsein (in Freud’schem Jargon geradezu ausschließlich aus „Es“ bestehend) zurückgelassen wird.

Wichtig zu verstehen ist, dass der ganze Roman eine Erzählung aus dem Munde Portnoys ist, als Vorspiel zu seiner eigenen eigentlichen Psychotherapie; und in dieser Form der Erzählung über sich selbst treten sehr extreme, selbstverleugnende und von Selbstwahrnehmung verzerrte Gedanken zutage. Ich habe das Buch beendet, und vor allem die letzten 30-40 Seiten fand ich mit Abstand am stärksten. Roth schreibt hier Portnoys Gedanken in einem packenden Rausch nieder, voll von dem Kampf mit seiner jüdischen Identität in Israel und langsam heraustretend aus seiner sexuellen Obsession, hinein in einen reiferen, abstrakteren Zustand der Selbstreflektion. Freilich schafft er die Umsetzung nicht und versucht bald eine Frau vom Militär zu vergewaltigen, und erschreckenderweise liest sich das nach allen vorangehenden Schilderungen nicht einmal nach etwas besonders Unwahrscheinlichem für Portnoy.

Ja, Portnoy ist kompliziert, und Roth versteht es, die unterschiedlichen Richtungen, aus denen die Zweifel an ihm reißen, sehr gut darzustellen. Mich haben vor allem die überaus häufigen und obszönen Szenen aber gestört, denn diese scheinen gar nicht notwendig gewesen zu sein. Ich glaube, einen noch viel besseren Roman hätte Roth hier schreiben können, hätte er sich bei der Obszönität zurückgenommen und hätte er sich mehr auf die psychologische Auseinandersetzung mit Portnoys Identität und damit auseinandergesetzt, was ich grob als abstrakten Begriff der „Suche“ bezeichnen würde. Die nötige Sprachfertigkeit dafür hätte er jedenfalls ohne Zweifel zur Hand gehabt. Die Obszönität neigt leider dazu, den Leser abzustoßen und jegliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ohne dass der Leser überhaupt noch Lust darauf hat oder es für lohnenswert hält, sich die Mühe zu machen, hinter diese Beschreibungen auf die Person Portnoys selbst zu blicken. Somit kann ich das Buch einem „Standard-Leser“ eigentlich nicht empfehlen. Veteranen der ernsten Literatur, die nach den vorhin erwähnten Autoren neue Extreme suchen und sich abgehärtet fühlen, dürfen jedoch gerne zugreifen. Der Text birgt durchaus einen eigenen Witz und auch ich musste einige Male laut über manche Stellen lachen, und wenn man sich darauf einlässt, kann man vermutlich schon einiges aus dem Buch mitnehmen.

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2011
Taschenbuchausgabe, 288 Seiten
Aus dem Englischen von Werner Schmitz
ISBN: 9783499255656

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