Sonntag, 3. Juni 2018

Natsume Sōseki - Kokoro (1914)




Natsume Sōseki ist neben Ryūnosuke Akutagawa der wohl berühmteste und erfolgreichste Vertreter der modernen japanischen Literatur. Dieser Roman, dessen Titel übersetzt so viel wie „Herz“ bedeutet, gilt als sein Magnum Opus und als absoluter Klassiker in Japan. Da ich mich in nächster Zeit wieder vertieft mit japanischer Literatur auseinandersetzen möchte, war es für mich klar, dass ich mit diesem Buch anfangen wollte. Ich kann den Reiz des Buches verstehen, aber dennoch bin ich auf ein paar ideologische Fragestellungen gestoßen.

Der Roman beginnt als Erzählung eines namenlosen Studenten in Ich-Perspektive. Eines Tages trifft er beim Schwimmen auf einen älteren Herrn, den er nur als Sensei bezeichnet. Dieser Sensei übt augenblicklich eine immens starke Faszination und Anziehungskraft auf den jungen Studenten aus, jedoch keineswegs in körperlicher Hinsicht. Der Student versucht sich ihm anzunähern und sich in geistigen Themen mit ihm auszutauschen, der Sensei geht darauf ein. Wenn auch zunächst zögerlich und etwas misstrauisch, so empfängt der Sensei den Studenten bald auf beinahe täglicher Basis bei sich zuhause. Dort ist der Student schnell herzlich willkommen und wird auch von der Frau des Sensei als „ständiger Gast“ anerkannt.

Im zweiten Teil der Erzählung wird der Student aus Tokio nach Hause in die Provinz gerufen, da sein Vater schwer erkrankt ist. Gerade hat der Student noch sein Studium erfolgreich beendet, als er dorthin reist; freilich trifft er auf enorm hohe berufliche Erwartungen ihm gegenüber. Sein erfolgreicher Bruder und sein Schwager haben diese Erwartungen ebenso wie seine Mutter und sein kranker Vater. Da er zuhause von seiner Faszination für den Sensei erzählt, dringt seine Mutter in ihren Sohn, bei dem Sensei nach einer Stellenvermittlung anzufragen - ein so gelehrter Mann müsse bestimmt Einfluss haben. Allein, der Sensei ist eine Person, die dem gesamten Menschengeschlecht gegenüber nichts als Misstrauen und Zwietracht empfindet; er hat keine Arbeit und verbringt den ganzen Tag scheinbar müßiggängerisch grübelnd. Als der Zustand des Vaters schlechter wird, erreicht den Studenten endlich die ersehnte Antwort des Sensei. In dem dicken Briefpaket, das der Student empfängt, kündigt der Sensei seinen bevorstehenden Selbstmord an. Hier beginnt der dritte, größte und weittragendste Teil des Romans. Die komplette zweite Hälfte des Buches macht dieser vom Sensei an den Studenten geschriebene Brief aus, in dem er seinen persönlichen Werdegang aufs kleinste zerlegt und offenbart. Wie es dazu kommen konnte, dass er den Menschen gegenüber nun gar so verbittert eingestellt ist, wird hier sehr detailliert geschildert, bis am Ende der unweigerliche Entschluss des Selbstmordes für den Sensei steht, und der Roman endet. Der Student reist sofort von seinem im Sterben liegenden Vater ab nach Tokio.

Es ist nicht wichtig, diesen Ausgang der Dinge bei der Zusammenfassung zu verbergen, denn wie der Roman endet, wird bereits sehr früh, noch vor Beginn des dritten Teils (also bei der Hälfte des Romans) bekannt. Viel bedeutsamer ist die minutiöse Szenerie, die Sōseki hier vor dem Leser ausbreitet. Mit feinem Gespür für die menschlichen Empfindungen beschreibt er die Gefühlsregungen. Dass insgesamt nur eine Handvoll wirklich wesentlicher Figuren im Laufe der über 350 Seiten auftauchen, zeigt bereits das Verhältnis, die Intensität, mit der er das Innenleben seiner Personen ergründet. Indem die Kapitel durchweg sehr kurz gefasst sind, hat man eines schnell beendet und ist ebenso schnell dabei, direkt ins nächste zu springen und weiterzulesen. Den Roman habe ich in großen Stücken auf einmal gelesen, denn Sōsekis Sprache ist so ohne Ecken und Kanten geschrieben, dass man nur so darüber hinweg fliegt; was jedoch nicht bedeuten soll, dass sie nicht die richtigen, gehobenen Ausdrucksformen für Beschreibungen jeglicher Art finden würde.

Seltsam stießen mir beim Lesen jedoch insbesondere zwei Umstände auf. Zum einen konnte ich es nicht recht verstehen, worin diese unbändige Faszination und Anziehungskraft des Sensei für den Studenten bestand. Das Verhältnis zwischen den beiden fühlte sich beim Lesen unnatürlich an. Ich verstehe, dass der Student sich in Tokio missverstanden und einsam fühlt und entsprechenden geistigen Kontakt sucht – aber dennoch liest sich seine nahezu bedingungslose Bewunderung für den Sensei eher seltsam. Womöglich liegt hier ein kulturelles Unverständnis vor, und in Japan mag es gängiger sein, sich mit gelehrten alten Herren anzufreunden. Das kann ich nicht beurteilen. Mir jedoch kam das etwas störend vor, zumal der komplette erste Teil des Romans auf dieser Bewunderung für den Sensei aufbaut. Im Nachwort ist die Rede von einer Notwendigkeit dieser Darstellung, da der Sensei so aus einer zweiten Perspektive geschildert wird. Der Leser lernt den Sensei zunächst nur aus den Augen dieses Studenten kennen, dessen Wahrnehmung durch seine Jugend und seine Einsamkeit verzerrt ist.

Der zweite Aspekt an dem Buch, der mich etwas verwirrt hat, ist seine Beliebtheit in Japan. Ich habe Japan als ein Land im Kopf, das ein enormes Bewusstsein für seine Kultur, seine Tugenden, Traditionen, Gläubigkeit und sein Respektverständnis propagiert. Es ist stolz auf seine Errungenschaften, und die starren Konventionen scheinen keinen Platz für Zweifel daran zu lassen. Das konservative Japan basiert vor allem auf den Werten der Ehre, der Familie, der Arbeit. Das Buch jedoch lese ich so, dass der Autor es in Ordnung findet, mit dieser starren, streng traditionellen Gesellschaft Schwierigkeiten zu haben. Genau darin muss der Erfolg des Romans begründet sein. Auch wenn die Gesellschaft eine so starke traditionelle Treue von seinen Bürgen fordert, hadern viele mit den überall genauso menschlichen Problemen: Liebe, Suche, Persönlichkeit usw.

Es geht um die Heirat aus Liebe im Gegensatz zur Heirat aus Verstand, es geht um das Ausnutzen von elterlichem Vertrauen, um die Identitätssuche bei der Wahl der Arbeitsstelle oder des Studiums, um Selbstmord, den Kaiser und – offenbar das Hauptthema in Sōsekis Werk – um die Einsamkeit. Allein, da es aus der Sicht dieser für die Gesellschaft „Versagenden“ erzählt ist – sowohl in den ersten beiden Teilen aus der Sicht des Studenten, als auch im dritten Teil aus der Sicht des Sensei – scheint der Roman dieses gesellschaftliche Versagen nicht zu verurteilen. Der Sensei endet im Selbstmord, der Sohn verlässt seinen sterbenden Vater und der Studienfreund des Sensei in seinem Brief begeht ebenfalls schwerwiegende Fehler. Sind der gesellschaftliche Untergang und der Selbstmord im Höhepunkt die erforderlichen Urteile Sōsekis über die dargestellten Fehltritte? Ich bin mir darüber im Unklaren, ob Sōseki diesen Aspekt urteilend aus dem Verlangen nach Tradition seiner japanischen Leser so geschrieben hat, oder ob er das Verhalten und die Fehler seiner Figuren gebilligt hat. Diese Diskrepanz – der japanische Nationalstolz einerseits, die problembehaftete Darstellung der Personen im Buch andererseits – hat mich zunächst etwas verwirrt. Denkt man genauer darüber nach, scheint es jedoch durchaus schlüssig.

Kokoro ist jedenfalls ein sehr lesenswertes Buch. Es spricht durch die Thematisierung von Liebe und Freundschaft eine universelle Sprache, die meiner Meinung nach die Fremdheit der japanischen Kultur durchbrechen kann. Freilich hat das Land durch seine Erwartungen von den Figuren Einfluss auf ihre Verhaltensweisen; so viel Adaptionsvermögen auf Seiten des Lesers sollte aber zu verlangen sein. Noch länger war die Geschichte nach der Lektüre in meinen Gedanken präsent, und das empfinde ich immer als besonderes Qualitätsmerkmal eines Buches. Ich kann es bedenkenlos jedem weiterempfehlen, der Lust auf eine besonders gut lesbare, dennoch tiefgründige Geschichte hat, und dabei den speziellen Rahmen des jungen Menschen in der modernen japanischen Gesellschaft nicht scheut.

Manesse Verlag Zürich, 2016
Gebundene Ausgabe, 384 Seiten
Aus dem Japanischen von Oscar Benl
ISBN: 9783717524182

Wertung: 8 / 10 

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