Sonntag, 13. Mai 2018

Yasunari Kawabata - Die schlafenden Schönen (1961)




In „Die schlafenden Schönen“ verarbeitet der japanische Literaturnobelpreisträger eine Ausgangssituation, die geprägt ist von Mysterium, Zärtlichkeit, Selbstreflektion und Ästhetik. Mit großer Kunstfertigkeit geht er dabei ans Werk: es ist ein stilles, sensibles Buch, und höchst lesenswert.

Dem 67-jähigen Eguchi wurde von einem Bekannten ein ungewöhnliches Etablissement empfohlen: Es soll da ein Haus geben, in dem junge Mädchen eingeschläfert werden; zu denen können sich die Besucher legen und die Nacht dort verbringen. Dabei geht es jedoch ganz und gar nicht um sexuelle Angelegenheiten, die Mädchen sind offenbar alle jungfräulich und in dieser Hinsicht unantastbar. Eguchi wird neugierig und sucht dieses Haus also auf. Begrüßt wird er von einer dort arbeitenden Frau, die die Organisation des Hauses übernimmt. Sie gibt sich über die Vorgänge wortkarg, wird aber über die Regeln des Hauses wiederholt sehr deutlich. Den Mädchen darf nichts Ausschweifendes angetan werden, und es werden nur solche Gäste als Besucher in dem Haus empfangen, von denen sie den Eindruck hat, dass solcherlei Ausschweifungen vollkommen ausgeschlossen sind. Diesen Eindruck hat sie namentlich ausschließlich bei sehr alten Männern, und eben Eguchi, der sich selbst eigentlich für noch nicht gar so altersschwach hält. Schnell wird klar, dass die greisen Gäste, die sonst wohlhabend und erfolgreich im Leben stehen, neben diesen schlafenden Schönheiten erzählen, jammern und weinen können, wie es ihnen sonst nirgends möglich ist. Eguchi wird also in ein Zimmer geführt, in dem ein nacktes, wunderschönes, jugendliches Mädchen unter der Decke liegt, von namenlosen Substanzen zur absoluten Wehrlosigkeit eingeschläfert. Eguchi beschreibt sie sehr eindringlich, legt sich an sie, betastet sie. Dabei kommen ihm Erinnerungen an seine Vergangenheit, Einzelheiten an ihr rufen bereits Erlebtes mit anderen Frauen in sein Gedächtnis. Er setzt sich damit auseinander, fragt sich dazwischen immer wieder, was dieses Mädchen und die anderen hier „angestellten“ zu dieser Arbeit drängt, wie hinter den Kulissen alles eigentlich abläuft. Schließlich nimmt er die Schlaftabletten, die für ihn bereitliegen. Am nächsten Morgen schläft das Mädchen neben ihm noch immer, die Frau des Hauses bringt ihm Frühstück und er wird verabschiedet.

Eguchi fühlt sich nach dem ersten Besuch unwohl, als hätte er etwas Falsches getan, die Unschuld dieser Mädchen verletzt. Er wartet lange, doch die Erfahrung arbeitet in ihm weiter, bis er schließlich erneut das Haus aufsucht. Und noch weitere Male. Jedes Mädchen regt ihn zu neuen Auseinandersetzungen mit seiner Vergangenheit an, er reflektiert über seine Frau, seine Töchter, deren Verehelichung, deren Kinder, und immer wieder über die schönen Mädchen, neben denen er da liegt. Freilich spielt auch die Auseinandersetzung mit seinem eigenen Alter und dem irgendwann bevorstehenden Tod eine große Rolle.

Kawabata benutzt hierzu eine sensible Sprache, an jeder Beschreibung ist sein großes Fingerspitzengefühl merkbar. Seine Prosa ist erfüllt von leisen, weichen Beschreibungen der Mädchen, der Lichtverhältnisse und Schattierungen, Geräusche und Räume. Es klingt seltsam undefiniert, das so zu formulieren, aber er geht vor allem äußerst japanisch an sein Schreiben heran, so wie ein Film von Ozu oder Mizoguchi besonders japanisch aussieht. Das altertümliche Japan scheint hier viel Platz in den Reflektionen eines alten fiktiven Japaners in den 1950er und 60er Jahre zu haben (das Buch wurde 1960 erstveröffentlicht), auch wenn die eigentliche Zeit, in der der Roman spielt, nicht erwähnt wird.

Zurück bleibt ein feinsinniger Roman über die Ästhetik der Frau und Reflektionen im Alter, verpackt in ein stimmungsvolles, ungewöhnliches Setting durch das „Haus der schlafenden Schönen“ und erzählt in tadelloser, teilweise sogar an Meisterhaftigkeit grenzender Sprache. Obwohl es mit etwas über 120 Seiten ein vergleichsweise kürzeres Lesevergnügen bietet, so ist es nicht weniger lohnend und an Ideen und Beschreibungen so reich wie manch anderer 800-Seiter. Ein wertvolles, sensibles Buch, das ich sehr empfehlen kann.

suhrkamp taschenbuch 3185, 130 Seiten
Aus dem Japanischen von Siegfried Schaarschmidt
Taschenbuchausgabe von 2015
ISBN: 9783518396858

Wertung: 8 / 10

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