Samstag, 26. Mai 2018

Lewis Carroll – Alice’s Adventures in Wonderland & Through the Looking-Glass (1865/1871)




Die beiden Bücher über die kleine Alice, die in eine wundersame Welt hineingerät und allerhand Gestalten begegnet, haben einen so unumstrittenen Stellenwert in der englischsprachigen Literatur, wie nur wenige andere Werke. Die Bücher waren bereits bei Erscheinen ein riesiger Erfolg, und heute, etliche Verfilmungen und Adaptionen später, ist Alice ohne Zweifel ein zeitloser Klassiker geworden. Jeder Generation dienen die skurrilen Erzählungen Carrolls aufs Neue zum Staunen, zur Belustigung, auch zum Reflektieren. Die beiden Bücher zu lesen war mir eine Freude, jedoch nicht ganz ohne Abstriche.

Im ersten Band ist Alice, ein siebenjähriges Mädchen, von dem bilderlosen Buch ihrer Schwester gelangweilt, als plötzlich ein weißes Kaninchen vorbeikommt, das eilig auf eine Uhr sieht und verschwindet. Alice folgt dem Kaninchen, fällt in dessen Bau und damit in ein seltsames Wunderland. Sie begegnet einer Wasserpfeife rauchenden Raupe, der Königin der Herzen mit ihren Soldaten aus Spielkarten, einem Hutmacher, sie spielt eine Form von Croquet, bei dem lebende Flamingos als Schläger und Igel als Bälle herhalten müssen, sagt Gedichte und Lieder auf und bekommt selbige zu hören. In “Through the Looking-Glass” beginnt die Reise von Alice bei ihr zuhause; draußen schneit es und ihre Katzen sind bei ihr. Sie stellt sich vor, wie es wäre, auf die andere Seite des Spiegels zu gelangen. Tatsächlich beginnt der Spiegel durchlässig zu werden, als sie ihn berührt, und schon ist sie genau dort, wovon sie Momente zuvor noch geträumt hat. Hinter den Spiegeln trifft sie auf eine mindestens genauso skurrile Welt, mit den bemerkenswerten Gestalten Humpty-Dumpty (ein großes Ei, das alles zu wissen angibt und glaubt, felsenfest auf seiner dünnen Mauer sitzen zu können), den Zwillingen Tweedledum und Tweedledee, einer Vielzahl an Schachfiguren und vor allem -königinnen.

Carroll setzt diese Ausgangssituationen mit großer Leichtigkeit auf, und beinahe erscheinen die Ereignisse beim weiteren Lesen nicht einmal ungewöhnlich. Dann jedoch werden sie gar zu skurril und abgefahren – für meinen Geschmack teilweise etwas zu sehr. Die einzelnen Kapitel sind mehr oder minder lose und unzusammenhängend aneinandergereihte fantastische Erzählungen, die man ohne Probleme auch für sich alleinstehend lesen könnte. Beim ersten Buch wird das noch deutlicher als beim zweiten, welches schon eher etwas wie eine tragende Geschichte bietet. Während in ersterem als einzige Motivation für Alice die Ankunft in dem schönen Garten zu sein scheint, den sie anfangs gesehen hat, umspannt Alice‘ Reise im zweiten Buch eine etwas kompliziertere Klammer im Schachuniversum. Diese Schachanalogien kann man minutiös nachverfolgen (die Bewegungen der einzelnen Figuren sind vorne zusammengefasst), oder aber man belässt es bei der einfachen Geschichte: Alice ist ein Bauer und möchte Königin werden. Dazu muss sie bis zum letzten Feld des Brettes vordringen, was sich im Text wiederum in Form von sechs kleinen, zu überspringenden Bächen wiederfindet. Ich, für meinen Teil, habe es bei der einfachen Geschichte belassen – hat man jedoch Lust, tiefer in den Text einzutauchen, ist allein schon an dieser Stelle Gelegenheit genug dazu geboten.

Carroll schreibt hier nicht nur ein für Kinder amüsantes Buch, sondern er verwendet auch eine wegweisende Sprache, voll mit Neologismen und „Portmanteaus“ – das sind Wörter, die sich aus mehreren anderen zu einem neuen zusammensetzen. Für moderne Schriftsteller wie James Joyce oder Virginia Woolf war das eine große Inspiration, wie die sehr ausführlichen Anmerkungen dieser Penguin-Classics Ausgabe angeben. Etliche Bezüge zu klassischer englischer Lyrik lassen sich in den vielen aufgeführten Gedichten finden – Carroll muss durchaus ein höchst literarisch gebildeter Autor gewesen sein.

Einige der auftauchenden Gestalten entspringen Kindergedichten und -liedern (wobei ich nicht genau weiß, ob Carroll diese erfunden hat oder wirklich lediglich zitiert und verarbeitet). Lustig dabei ist, dass die Figuren sich in der Erzählung dann just genauso verhalten, wie es die Gedichte und Lieder von ihnen beschreiben. Tweedledum und Tweedledee zum Beispiel legen in dem Gedicht ihren Streit erst dann völlig vergessend bei, als eine furchteinflößende schwarze Krähe über sie hinweg fliegt, und so geschieht es dann auch in der Erzählung. Oder Humpty Dumpty (das Ei auf der Mauer); er behauptet, nie fallen zu können, im Gedicht jedoch fällt er und zerbricht. Daraufhin schickt der König alle Reiter und Pferde los, aber er kann nicht wieder zusammengesetzt werden. In der Erzählung verabschiedet sich Alice vom noch heilen Humpty Dumpty, begegnet im Wald aber dann dem König, der völlig aufgebracht seine ganzen Kräfte in Bewegung gesetzt hat. Hier kann sich der Leser also denken, was passiert ist. Das ist schon durchaus clever und geschickt erzählt, und macht somit auch sehr viel Spaß zu lesen.

Schön eingebaut sind auch die philosophischen Betrachtungen der Wunderland-Bewohner, als sie auf die naive Weltanschauung von Alice und der „realen Welt“ treffen. Da im Wunderland eben ganz andere Regeln gelten, können diese für uns normalen Regeln von den Gestalten nicht verstanden werden, wodurch oftmals Befremdung und Kränkung Alice gegenüber entsteht. An einer Stelle wird sie von einem Einhorn und einem Löwen nur „Monster“ genannt, da sie so etwas wie sie noch nie gesehen haben. Die Schachköniginnen offenbaren ihr, dass es bei ihnen gleich mehrere Nächte und Tage gleichzeitig gibt – nicht etwa nur „letzten Dienstag“. Die cholerische Königin der Herzen will alles und jeden sofort und ohne zu zögern köpfen lassen, vollkommen willkürlich. Ein Teekränzchen beim Hutmacher kann nie enden, da die Zeit auf der Uhr nie weitertickt. Solcherart sind die seltsamen Begegnungen im Wunderland – bisweilen habe ich mich an „Gullivers Reise“ oder Voltaires „Candide“ erinnert gefühlt.

Begleitet wird das Ganze von den Illustrationen von John Tenniel, welche inzwischen wahrscheinlich von einer Leseausgabe der „Alice“ nicht mehr wegzudenken sind. Noch immer sind sie allesamt wunderschön gestaltet, setzen interessante Akzente in den Szenen und passen immer auf den Punkt. Nicht umsonst haben diese Illustrationen den grundsätzlichen Trend für mehr Illustrationen in der Belletristik und dem Buchdruck im Allgemeinen gesetzt (wie ebenfalls in den Anmerkungen steht).

Die Alice-Bücher sind insgesamt gut gealtert, noch immer kann man sie hervorragend lesen. Die Kinderfreundlichkeit der Erzählungen dürfte außer Frage stehen; aber auch darüber hinaus handelt es sich hier um echte, hochwertige Literatur mit einer wegweisenden Sprache. Wie die Figuren dargestellt werden und wie unterschiedlich diese im Vergleich zur unbeholfenen, aber irgendwie frechen Alice denken, ist mit solcher Kunstfertigkeit beschrieben, dass es den Leser oft laut lachen lässt. Mein liebstes Kapitel ist wohl das mit dem Don-Quijote-ähnlichen alten Ritter, der fortwährend von seinem Pferd fällt und die wundersamsten Dinge erfindet (Through the Looking-Glass, Kapitel 8: „It’s my own invention“). Insgesamt hat mir das zweite Buch besser gefallen, da es strukturierter und nicht ganz so zufällig erscheint – auch meine ich die wehmütige Stimmung Carrolls darin fassen zu können, da er dieses Buch geschrieben hat, als wäre die wahre Vorlage der Alice bereits tot. Auf ihn als Autor und die Entstehungsgeschichte noch weiter einzugehen, würde aber den Rahmen sprengen. Interessierten sei hier jedoch definitiv diese vorliegende Penguin-Classics Ausgabe ans Herz gelegt. Was Hintergrundinformationen zu allen Aspekten rund um das Werk und den Autor betrifft, so bleibt hier kein Wunsch offen.

Penguin Classics, 2003
Taschenbuchausgabe, 368 Seiten
ISBN: 9780141439761


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