Mittwoch, 18. April 2018

Haruki Murakami - Die Ermordung des Commendatore (2017)




Murakami ist einer der wenigen zeitgenössischen Autoren, bei denen ich auf jedes neue Buch gespannt warte, welches ich dann blind und sofort kaufe. Nach seinem letzten Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“, welchen ich ganz hervorragend fand, ist nun also sein neuester Roman, „Die Ermordung des Commendatore“, in zwei Bänden auf Deutsch verfügbar. Nach dem eher durchwachsenen Leseerlebnis eines älteren Murakamis, „Hard-boiled Wonderland“ im letzten Sommer, hatte ich ein paar Bedenken. Der „Commendatore“ konnte mir diese jedoch relativ schnell nehmen – er zählt definitiv zu den besseren Büchern des Autors.

Der Roman handelt von einem namenlosen Ich-Erzähler, der beruflich Porträts malt. Seine Frau Yuzu möchte eines Tages die Scheidung, und da ihm die kunstlose Porträtmalerei augenblicklich nichts mehr gibt, zieht er sich auf einen Berg in das leerstehende Haus seines Freundes Masahiko Amada zurück. In diesem Haus wohnte vorher dessen Vater, Tomohiko Amada, der ein berühmter Maler des Nihonga-Stiles gewesen ist, nun jedoch altersschwach in einem entfernten Heim liegt. Der Erzähler trifft auf den weißhaarigen, stilvollen, sehr wohlhabendenden und gebildeten Herrn Menshiki (was wohl sinngemäß „Farbvermeider“ heißt), der auf der anderen Seite des Tales allein in einem riesigen Haus wohnt. Er möchte porträtiert werden und kann den Ich-Erzähler, entgegen seiner Vorsätze, doch noch auf ein weiteres Porträt überreden. Zwischen den beiden entsteht eine vorsichtige Freundschaft, sie hören viel klassische Musik aus der Plattensammlung des alten Malers. Mehr kann ich an dieser Stelle zur Geschichte allerdings nicht sagen, ohne zu viel zu verraten.

Zu Beginn des Romans konnte ich mir ein eingeweihtes Schmunzeln nicht verkneifen, denn innerhalb der ersten 100 Seiten kommen dem Leser zunächst alle wiederkehrenden Kernthemen Murakamis entgegen: Erwähnung finden Katzen, klassische Musik und Jazz, Schallplatten, einsame Reisen, Träume, Sex, Beschreibungen von Natur, Beziehungen und fantasyhafte Andeutungen. Das las sich ein bisschen so, als wäre Murakami hier auf Nummer Sicher gegangen, als hätte er tief in seine hauseigene Stilkiste gegriffen und alles, was er zu fassen bekam, hineingepackt. Ist das aber schlecht? Ich finde nicht. Es ist vielmehr so, dass man hier die volle Ladung puren Murakami abbekommt, und als Anhänger seiner großen Romane konnte mir nichts Besseres widerfahren. Meiner Meinung nach ist es sein eigener Stil, den er für sich entwickelt hat, und der für ihn gut funktioniert. In seinen Romanen sind die Helden eben etwas konservativ, lehnen neuere Technologien ab, bleiben lieber bei Schallplatten, verzichten größtenteils auf Handys und unnötigen Luxus. Sie schätzen das Alleinsein und die Natur, mögen Kultur und schlafen mit Frauen. Sie trinken Whiskey und Bier, kochen gern und essen Kräcker. Sie lesen alte klassische Romane. Aus diesem Mittelmaß heraus treffen sie dann auf fantastische Elemente, sehen sich philosophischen Fragen konfrontiert und treten in andere Welten. Das ist okay, denn anderes sollte man von einem Murakami-Roman nicht erwarten. Er ist sich dessen auch durchaus bewusst, denn an einer Stelle wundert sich der Ich-Erzähler im Commendatore darüber, ob die Zeit vielleicht für ihn stehen geblieben sei und er irgendwann aufgehört habe, an den Entwicklungen teilzunehmen, da er fast ausschließlich diese ursprünglichen Dinge mag. Diese Punkte habe ich zwar etwas allgemein auf sein Werk bezogen, aber für den „Commendatore“ gelten sie vermutlich so stark, wie in keinem anderen Buch des Autors. Immer wieder fühlte es sich für mich an, als wäre dies die Essenz seiner literarischen Aussage.

Die Sprache ist, wie von ihm gewohnt, schön eingängig, leicht lesbar – aber doch nicht trivial. Man kann den Roman wirklich zügig weglesen, was einerseits genau dieser Sprache zu verdanken ist, andererseits aber auch dem gelungenen Erzählen Murakamis. Man möchte immer wissen, wie es weitergeht, an keiner Stelle habe ich mich gelangweilt oder über längere Strecken Spannung vermisst. Das ist bei einer Gesamtlänge von über 900 Seiten auch schon eine enorme Leistung. Vieles von letzterem hängt aber bestimmt davon ab, wie sehr der Leser sich mit den gerade beschriebenen Murakami-üblichen Themen anfreunden kann, oder ob sie ihn ob ihres Konservatismus anöden, denn sie bilden die Grundlage vieler Gespräche und Reflektionen.

Weniger gefallen hat mir insbesondere eine längere Episode, in der der Erzähler eine Geschichte wiedergibt, die ihm von einem Teenager-Mädchen erzählt wurde. Ich verstehe den erzählerischen Kniff Murakamis, denn dadurch, dass der Ich-Erzähler das Ganze wiedergibt, kann er in unverändert gehobenem Stil fortfahren, wie im restlichen Buch. Authentisch war es für mich jedoch nicht, denn ich fand es einfach nicht glaubwürdig, dass das Mädchen so sehr ausschmückend und jedes noch so kleine Detail erwähnend erzählt haben konnte. Auch Reflektionen über Komponisten, Noten und gespielter Musik werden dem Mädchen in den Mund gelegt. Dieser Missstand fällt aber wahrscheinlich nur bei genauem Lesen auf, da sich der Stil bei dieser „Erzählverschiebung“ nicht merkbar ändert. Außerordentlich schlecht blieb mir außerdem die Schilderung einer speziellen erotischen Szene im Kopf hängen. Mensch, die war wirklich grausam geschrieben. Es war irgendeine Rede von gegenseitigem Recycling oder so. Das perfekte Modewort an dieser Stelle lautet „cringy“.

An verrückten, fantastischen Elementen fehlt es dem Buch keineswegs. Ich finde, Murakami hat hier eine seiner gelungensten Arbeiten dahingehend abgeliefert, aber ich kann dazu wirklich nichts Konkretes verraten. Nur so viel, dass wieder enorm viele Symbole und Metaphern und Ideen vorkommen, die zu hinterfragen und für sich selbst zu interpretieren erneut keine Grenzen gesetzt sind. Wie üblich hinterlässt Murakami den Leser nach dem Buch mit einigen offenen Fragen, aber sie sind weniger stechend und bohrend, so als würde es sich unvollkommen anfühlen, als vielmehr subtil und arbeitend. Man kommt sich nicht hinters Licht geführt vor; Murakami versteht es gerade richtig, die richtigen Fragen offen zu lassen und die richtigen Fragen zu beantworten. Auf den Rest muss es auch gar keine eindeutige Antwort geben – jeder kann sie für sich selbst behandeln und entweder zu einem Entschluss kommen, oder eben nicht. Und beides ist in Ordnung.

„Die Ermordung des Commendatore“ hat mich vor allem sehr gefreut. Es war eine unterhaltsame, spannende und geistreiche Lektüre, die alle Qualitäten Murakamis vereint. In meiner persönlichen Bestenliste steht es wohl auf einer Ebene mit dem „Mister Aufziehvogel“, der sich ja auch mit dem einem fantastischen Element des „Brunnens“ in die Erinnerung des Lesers zurückruft. Mein liebster Murakami wird es zwar dennoch nicht, aber er gehört, wie bereits anfangs gesagt, definitiv zu den besseren. Ohne zu viel Fanboy-Bonus durchscheinen zu lassen, sind nach dem enttäuschenden „Hard-boiled Wonderland“ somit für den aktuellen Murakami alle meine Zweifel aus dem Weg geräumt, und ich freue mich auf hoffentlich noch viele weitere Romane von dem verträumten Japaner.

Band 1: Eine Idee erscheint
480 Seiten
DuMont Buchverlag Köln, 2018
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
ISBN: 9783832198916

Band 2: Eine Metapher wandelt sich
496 Seiten
DuMont Buchverlag Köln, 2018
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
ISBN: 9783832198923

Wertung: 8 / 10

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