Montag, 26. Februar 2018

Tschingis Aitmatow - Dshamilja (1958)



Dieser kurze Roman erzählt in erster Linie eine große Liebesgeschichte, so groß, dass es schon faszinierend ist, wie Aitmatow das Ganze auf gerade mal 100 Seiten auszubreiten schafft. Ich habe ihn fast am Stück durchgelesen; einerseits, weil es bei dem Umfang machbar ist, andererseits, weil er gerade in der zweiten Hälfte enorm fesselnd wurde.

Der Roman erzählt von einem kirgisischen Dorf zur Zeit des zweiten Weltkrieges. Alles scheint idyllisch dort, wie ein von der Welt abgeschottetes Reich, in dem Bauern mit Getreide wirtschaften und wo ein im Großen und Ganzen rudimentäres Leben geführt wird. Der Krieg dringt jedoch auch bis in das Dorf vor, nämlich dergestalt, dass viele junge Männer zur Front einberufen werden. Der junge Said, der auch der Ich-Erzähler der Geschichte ist, berichtet von seinen Erlebnissen in dem Dorf. Sein Bruder Sadyk ist mit der groben, aber schönen Dshamilja verheiratet, Sadyk befindet sich im Krieg. Dshamilja verliebt sich während der Abwesenheit ihres Mannes in den Kriegsheimkehrer Danijar, der bei den grobschlächtigen Dorfbewohnern insbesondere durch seine Stille, Naturverbundenheit und Isolation von sich Reden macht. Dshamilja, Danijar und Said arbeiten zusammen am Getreidetransport, und auch Said kann sich nicht dauerhaft seiner Gefühle erwehren; die Gefühle zwischen Danijar und Dshamilja wecken auch in ihm die Liebe.

Als sie eines Tages zusammen fahren, singt der bis dahin stille Danijar nur für sich, aber mit solch romantischer (nicht jedoch kitschiger!) Inbrunst, dass Said erkennt, wie sehr Danijar von einer Liebe, nicht zu Dshamilja, sondern zur ganzen Welt und zur Natur erfüllt ist. Rückblickend war es für Said dieser Moment, der ihn erstmals so sehr berührt hat, dass er sich zur Malerei hinwenden wollte. Er wollte Dshamilja und Danijar zusammen malen, es ging ihm völlig das Herz darüber auf. Eine gewisse Zeit herrscht verliebte Eintracht und Glückseligkeit, aber schließlich kehrt Sadyk vom Krieg nach Hause, wodurch für die Liebenden alles durcheinander gebracht wird. Das Ende lässt eine gewisse Mystik nicht missen, was mir immer sehr gefällt, und was ich bei solchen Geschichten vielleicht sogar für notwendig erachte.

Aitmatow beschreibt dies alles in einer wunderbaren Sprache, die weder bei der Beschreibung von Natur, von Menschen, von Arbeit und kirgisischer Bauerntradition, und ganz besonders nicht bei der Beschreibung von Gefühlen schwächelt. Gerade letzteres ist es, was den Roman in der zweiten Hälfte so spannend macht: Schnell geschieht es, dass solche Texte in kitschige, geradezu unlesbare Gefühlsduselei ausarten. So wie Aitmatow hier jedoch mitunter schreibt, kann er sich gerade bei der Beschreibung von Gefühlen gut und gerne in den handwerklichen Riegen von Hesse, Zweig oder Tolstoi sehen, welche für mich in diesem Bereich die größten Meister darstellen.

Die erste Hälfte der Geschichte fand ich jedoch etwas schwer zugänglich, was hauptsächlich dem Umstand verschuldet ist, dass die kirgisische Welt der Bauern im Zweiten Weltkrieg eine für mich fremdere nicht sein könnte. Hat man aber erst die Begrifflichkeiten und Personen einsortiert, gibt sich auch das bald, sodass schnell die eigentliche Geschichte der Liebenden in den Fokus rückt. "Dshamilja" ist ein wunderbares, kurzes Buch, das ich somit jedem empfehlen kann, der Natur- und Gefühlsbeschreibungen lesen möchte, die gerade den gefährlichen Grat zwischen Kitsch und Genie sehr gut meistern. Ist es die schönste Liebesgeschichte der Welt, wie es Louis Aragon in dem ausführlichen Vorwort behauptet? So weit würde ich vielleicht nicht unbedingt gehen. Der sensible Danijar bleibt mir allerdings mit Sicherheit genauso hängen, wie der in der Jugend romantisch beeindruckte Said und die grobe, aber dennoch gefühl- und verständnisvolle Dshamilja.

suhrkamp taschenbuch 1579, 123 Seiten
Aus dem Russischen von Gisela Drohla
Taschenbuchausgabe von 1988
ISBN: 3518380796
Wertung: 7 / 10

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