Donnerstag, 1. Februar 2018

Richard Adams - Unten am Fluss (1972)





Auf dieses Buch stieß ich durch die Post-Hardcore Band Fall of Efrafa, deren Musik ich sehr schätze. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich herausgefunden hatte, dass deren Albumtrilogie (Owsla, Elil, Inle) mehr oder weniger eine Vertonung der Geschichte dieses Romans darstellte; und angesichts der düsteren, aber auch wunderschönen Musik, die diese Band für geeignet genug zur Versinnbildlichung des Romans hielt, war mein Interesse geweckt. Einigermaßen überrascht war ich anschließend, als ich feststellte, dass es sich bei „Unten am Fluss“ (engl. Titel: „Watership Down“) um eine große Abenteuerfabel mit Kaninchen in der Hauptrolle handelt.


Das kleine Kaninchen Fiver lebt mit seinem Bruder Hazel und vielen anderen im Sandleford Gehege. Fiver hat Visionen, ein feinsinniges Gespür, das über die normalen animalischen Instinkte hinausgeht. Eine Vorsehung bringt ihn zu der unabdingbaren Überzeugung, dass ein unspezifizierbares, mit Sicherheit aber tödliches Unglück über das Gehege hereinbrechen wird. Vertrauensvoll wendet er sich an seinen Bruder Hazel, mit dem er das Oberkaninchen aufsucht, welchem er verdeutlichen will, dass alle Kaninchen sofort das Gehege verlassen müssen. Das Oberkaninchen sieht aber weit und breit kein Anzeichen für Gefahr, beschreibt den Wohlstand und die Zufriedenheit der Kaninchen. Es gibt für ihn keinen Anreiz das wertvolle, mit harter Arbeit erbaute Gehege zurückzulassen. Hazel versucht andere Kaninchen von der Eingebung Fivers zu überzeugen und findet tatsächlich ein paar wenige Anhänger, die bereit dazu sind, Folge zu leisten und zu fliehen. Der grobschlächtige Bigwig etwa, oder der Geschichtenerzähler Dandelion. Zusammen verlassen sie das Gehege und Spannungen sind nicht zu vermeiden. Es entstehen Zweifel an Fivers Vision, Bigwig möchte bisweilen die Führung übernehmen, aber Hazel kann sich durchsetzen. Unterwegs begegnen sie Feinden, schließen für Kaninchen gänzlich unnatürliche Freundschaften mit einer Maus und einem großen Vogel. Sie begegnen einer Gruppe anderer Kaninchen und erleben eine Art Kulturschock, als sie ihre Lebensweise sehen und finden endlich einen neuen Ort, an dem sie sich guten Gewissens niederlassen können: das hügelige Gebiet Watership Down. Sie stehen vor der Herausforderung des Nachwuchses, da sie allesamt Rammler sind und Weibchen fehlen, weshalb sie die Umgebung auskundschaften und Weibchen für sich auftreiben wollen. In diesem Zuge treffen sie auf das vom Oberkaninchen Woundwort diktatorisch geführte Gehege Efrafa, welchen sie voller Inbrunst und Ekel zu stürzen trachten.

Es ist erwähnenswert, dass die Kaninchen ihre eigene Sprache haben, genau wie die Vögel oder die Mäuse, weswegen diese miteinander nur schwer und wie gebrochen miteinander reden können. Richard Adams hat für viele Alltäglichkeiten der Kaninchen eigene Worte erfunden: Elil sind alle Arten von Kaninchen-Feinden, Owsla sind gewisse autoritäre Kaninchen in einem Gehege, so ähnlich wie Polizisten. Silflay bedeutet Fressen, fu inle ist nach Mondaufgang, hrududu ist alles, was von Menschen mit einem Motor gefahren wird (irgendwie sprechend). Noch viele mehr solcher Kaninchensonderbegriffe hat sich Adams einfallen lassen, und es hat auch hier etwas gedauert, bis ich mich daran gewöhnen konnte. Oft habe ich auch vergessen, was die Begriffe nun nochmal bedeuteten und habe sie mir erst später aus dem Kontext wieder erschlossen. Dennoch finde ich es immer sehr interessant, wenn sich Autoren zu solchen Wortneuschöpfungen wagen, und ich habe mich beizeiten an Orwells Neusprech oder diverse Experimente von Tolkien erinnert.

Es ist alles in einigermaßen traditionellem Erzählstil gehalten, hier gibt es keine ausgefallenen Versuche: es wird aus dritter Person auktorial in der ersten Vergangenheit erzählt. Nur in einem kurzen Kapitel im Roman springt die Handlung weg von den Kaninchen, hin zu einem Mädchen und ihrem Vater, die allerdings freilich auch etwas mit den Kaninchen zu tun haben. Sonst ist alles ein relativ unspektakulärer Abenteuerroman, und hat man sich erst mit den Kaninchen als handelnde, konfliktreiche Charaktere angefreundet, könnte Adams genauso gut von Menschen erzählen. In dieser Hinsicht muss die Fabel wohl als gelungen betrachtet werden. Sehr gut fand ich auch die Religion der Kaninchen: sie alle hielten sich fest an den Geschichten von dem wundersamen Kaninchen El-Ahrairah, welches darin die unwahrscheinlichsten Taten vollbracht hatte. Meistens handelte es sich dabei um Erzählungen von Listen, die sich El-Ahrairah ausgedacht hatte; etwa um von Herrschenden den Salat aus dem Garten zu stehlen, einen blutrünstigen Hund oder einen gefräßigen Hecht zu täuschen. Solchen Erzählungen lauschten die Kaninchen oft ganz fromm und gespannt, auch erschöpft von den gefahrvollen Abenteuern der Suche nach einem neuen Zuhause. Dandelion war hier das erzählende Kaninchen der Wahl, dem Adams die Fähigkeit des besonders guten Vortrages verlieh. Richard Adams versteht es wirklich, den Kaninchen eine eigene Kultur zu geben.

Schwer tat ich mich allerdings auch bei ein paar Punkten in dem Roman. Zum einen fiel es mir lange schwer, den einzelnen Kaninchen Charakterzüge, „Gesichter“ zuzuordnen. Unterschiedliche erwähnte Kaninchenarten verschwanden beim Lesen schnell in der Irrelevanz bedingt durch mangelnde Kenntnis oder Vorstellungskraft. Erst nach zwei- oder dreihundert Seiten wurde langsam klar, welche Kaninchen der Stammbesetzung um Fiver und Hazel ungefähr wie tickten, auch weil Adams sich an einer für mich viel zu späten Stelle einmal die Mühe gemacht hatte, alle diese Kaninchen im einzelnen mit je einem kurzen Sätzchen am Ende eines Kapitels zu umreißen. Bigwig war der Einzige, der bereits früh im Gedächtnis blieb, da dieser neben Hazel als nahezu einziger eine merkbare Entwicklung durchgemacht hatte. War er anfangs noch sehr aufmüpfig und streitlustig, kannte er bald aufgrund des guten Ausganges mancher Entscheidungen die Autorität Hazels als Oberkaninchen an und ordnete sich ihm mehr oder weniger bedingungslos unter. Vom anfänglich ungern gesehenen „Outlaw“ arbeitet er sich so zu einem Kämpfer mit dem Herz am rechten Fleck hin, der kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn er um seine ehrliche Meinung gefragt wird.

Mit 650 Seiten ist dieser Roman doch ein recht umfangreicher, und ich hatte durchaus mit einigen Längen in dem Buch zu kämpfen. Da der Anfang durch den fehlenden Erkennungswert der einzelnen handelnden Kaninchen Spannung vermissen ließ, konnte ich mich oft nicht zum Weiterlesen aufraffen, und so habe ich für das Buch länger als normal gebraucht. Das kann ich nur als negativen Punkt für den Roman verbuchen. Was allerdings unbestreitbar ist, ist die sprachliche Kunstfertigkeit, die Adams insbesondere in Hinsicht auf Naturbeschreibungen zeigt. Enorm viele Pflanzen- und Tierarten werden zitiert, auch im korrekt erscheinenden jahreszeitlichen Zusammenhang. Eine bemerkenswert schöne Stelle zu Beginn des 12. Kapitels ist mir im Kopf hängen geblieben. Diese ersten zwei Seiten des Kapitels strotzen voller Aussagekraft und mächtigem Ausdruck; hier sitzt jedes Wort unumstößlich und wie in einer Verkörperung von allem, was Adams in dem Buch sagen wollte. Ich glaube wirklich, dass dies die mächtigsten zwei Seiten in dem ganzen Buch sind.


Der Anfang des 12. Kapitels.


Einen schönen, manchmal vielleicht auch kitschigen Zug fand ich persönlich, dass jedes der 50 Kapitel mit einem kurzen literarisch anmutenden Zitat eines Schriftstellers, bisweilen auch nur eines Prospektes eingeleitet wird. Meist sind das wirklich schöne Momentaufnahmen, die die Stimmung des folgenden Kapitels in der Regel gut einfangen können.

Als bitterer Nachgeschmack bleiben mir bei Betrachten des gesamten Romans allerdings dennoch die groben Längen, die ich über weite Teile des Buches als solche empfunden habe. Über 650 Seiten hinweg hat mich das Buch insgesamt einfach nicht genug gepackt. Ich hätte gern, dass mir der Roman besser gefiele, als er es tut; aber leider kann ich für den Moment guten Gewissens nicht mehr als 6 Punkte vergeben. Dennoch erkenne ich die Kunstfertigkeit und den besonderen Reiz des Buches an, und wer sich mit solchen Geschichten anfreunden kann, wird mit Sicherheit ein paar schöne Lektürestunden damit verbringen. Der doppelte Boden ist allein durch die fabelhafte Geschichtenform in jedem Falle gegeben, und nicht selten ist man zum Nachdenken über das tatsächliche menschliche Zusammenleben angeregt. Insgesamt finde ich das Buch beschränkt empfehlenswert; ich bin jedoch trotzdem froh es gelesen zu haben.

List Taschenbuch Verlag (Ullstein), 654 Seiten
Ausgabe von April 2008, 7. Auflage 2016
Aus dem britischen Englisch von Egon Strohm
Engl. Originaltitel: "Watership Down"
ISBN: 9783548608068

Wertung: 6 / 10

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