Samstag, 10. Februar 2018

Jean-Paul Sartre - Der Ekel (1938)




Sartre war einer der größten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Er war ein Hauptvertreter des Existenzialismus und legte mit seinem monumentalen Werk „Das Sein und das Nichts“ das Fundament für diese Philosophie. „Der Ekel“ ist der erste und einer der wichtigsten Romane, der die existenzialistischen Ideen zu verarbeiten versuchte. Dem zunächst einseitig, später nahezu vollständig erblindeten Sartre wurde 1964 der Literaturnobelpreis zugesprochen, den dieser allerdings ablehnte entgegenzunehmen.

Der Ekel handelt von dem Historiker Antoine Roquentin, der viele Jahre lang die Welt bereist hatte und sich nun in der französischen Stadt Bouville niederließ um ein Buch über die historische Gestalt des Marquis de Rollebon zu schreiben. Seinen Alltag verlebt Roquentin damit die Bibliothek aufzusuchen, wo er öfters seinem Bekannten, dem „Autodidakten“, begegnet. Auch ins „Café Mably“ begibt er sich oft, da er mit der Wirtin eine lose Affäre pflegt und gern die Gäste beobachtet. Er vermisst außerdem seine Ex-Freundin Anny, mit der er vor Jahren zusammen war. Roquentin verbringt viel Zeit damit, sich selbst, seine Umgebung, die Personen und Gegenstände gedanklich zu zerlegen. Er ist fest davon überzeugt, dass das Buch über Rollebon der einzige Grund für seine Existenz ist, und als er später feststellt, dass er das Buch nicht fertig schreiben kann, stürzt er in eine tiefe Krise. Er empfindet „den Ekel“ allen Gegenständen gegenüber, es wird ihm schlecht beim Betrachten der alltäglichsten Dinge – etwa bei der Farbkombination von Hosenträgern auf einem Hemd. Er hat Angst vor dem Ekel. Er trifft Anny wieder, deren Bild in seiner Erinnerung durchaus romantisiert ist. Er stellt fest, dass sie sich äußerlich stark verändert hat, sie verhält sich ihm gegenüber überheblich und niederträchtig, was Roquentin nur noch mehr deprimiert. Allein beim Hören eines alten Ragtime Liedes in dem Café empfindet er diesen Ekel nicht, und dieses Lied ist es auch, das ihm am Ende des Romanes möglicherweise einen neuen Sinn für seine Existenz stiftet.

Der Roman besteht aus vielen Tagebucheinträgen aus der Ich-Perspektive, die im Präsens geschrieben sind. Das verleiht dem Ganzen etwas sehr Persönliches, da Roquentin unablässig strauchelt, an sich und der ganzen Welt zweifelt. Er hat das Gefühl, die Welt, die Gegenstände darin hätten sich verändert, aber viel wahrscheinlicher sei es, er selbst habe sich verändert. Er empfindet keinerlei Bezug mehr zu den Dingen, auch zu den Menschen nicht; alle Beziehungen sind im völlig gleichgültig geworden. Roquentin hat die ganze Welt gesehen, er bereiste ferne Länder, viele Jahre lang; aber im Jetzt ist von alledem nichts mehr übrig geblieben. Für andere Menschen wären es Abenteuer gewesen (der Begriff der Abenteuer spielt an einer Stelle im Roman auch eine größere Rolle), aber für Roquentin ist alles auf substanzlose Oberflächlichkeit geschrumpft, kaum dass er überhaupt eine Erinnerung an seine Reisen hervorholen kann. Auf diese Art begleitet man als Leser Roquentin bei seinen müßiggängerischen Wanderungen durch Bouville, folgt seinen existenzphilosophischen Gedanken in alltäglichen Beobachtungen, folgt auch dem Ekel, und dem ständigen Kampf mit dem Schreiben.

Ich kann nicht behaupten, den Roman vollends verstanden zu haben, wie Roquentin funktioniert und was seine Gedanken im Detail versuchen zu sagen. Dennoch ist es ein sehr intensives Leseerlebnis, was mit Sicherheit in erster Linie der großartigen Wortwahl Sartres zu verschulden ist. Ich trat ohne große Erwartungen an den Roman heran, und fand mich sofort gefangen von der Sprache. Sartre schreibt hier so lyrische Prosa, dass beinahe jeder Satz in dem Roman für sich als wunderschöne Wortkomposition zitiert werden könnte, und für die normalerweise eher biedere Art philosophische Texte und Ideen zu verdeutlichen, fand ich das erfrischend leidenschaftlich geschrieben. Ich war sehr positiv überrascht. Hier ein Beispiel der Prosa, die sich in derselben Art den ganzen Roman hindurch fortsetzt:

„Wenn ich mich nicht täusche, wenn alle sich häufenden Vorzeichen auf eine neue Umwälzung in meinem Leben hindeuten, dann habe ich Angst. Nicht etwa, dass es reich wäre, mein Leben, gewichtig, kostbar. Aber ich habe Angst vor dem, was entstehen, sich meiner bemächtigen wird – um mich wohin zu verschlagen? Muss ich wieder fortgehen, muss ich wieder alles im Stich lassen, meine Forschungen, mein Buch? Werde ich in einigen Monaten, in einigen Jahren abgehetzt, enttäuscht, inmitten neuer Trümmer erwachen? Ich möchte klarsehen in mir, bevor es zu spät ist.“ (S. 15)

Ich bin ganz ehrlich: Das Buch ist auf den ersten Blick schon recht deprimierend. Das ist aber gewissermaßen der Philosophie verschuldet, die ja sinngemäß meint, dass alle Existenz zunächst zufällig, gottlos und ohne Grund ist. Setzt man sich aber erst damit auseinander, merkt man, dass diese Philosophie im Grunde eigentlich eine optimistische ist: dadurch, dass der Mensch im Rahmen seiner Umgebung und seiner Möglichkeiten vollständig frei ist, sein Leben so zu formen und ihm den Sinn zu geben, den er möchte, ist der Ansatz liberaler als sonst kaum eine philosophische Richtung. Man muss sich eben in der Welt des Existenzialismus damit abfinden, dass der Mensch solange ohne Grund einfach existiert, bis er sich einen Zweck dafür (oder in der existenzialistischen Nomenklatur: eine „Essenz“) sucht. Demnach besitzt der Mensch vollständige Freiheit (nochmals: innerhalb seiner Möglichkeiten), und dieses Motiv wird im Roman insbesondere dadurch deutlich, dass Roquentin am Ende eine solche „Umwälzung in seinem Leben“ (wie aus dem vorigen Zitat) durchmacht – er verliert den einen Sinn des Lebens und findet einen neuen.

Das Buch hat mich sehr überrascht, und ich musste es in großen Stücken auf einmal lesen, weil es einfach so gut geschrieben ist. Das wirklich tolle an diesem Buch war für mich eindeutig Sartres Sprache, und dadurch finde ich es sehr empfehlenswert. Auch die für die ursprüngliche Veröffentlichung gestrichenen Teile aus dem Manuskript, die am Ende des Buches als Anhang vorliegen und an den passenden Stellen über Fußnoten in Bezug gesetzt werden, sind ganz hervorragend und meiner Meinung nach unbedingt als fest zum Roman gehörig zu lesen.

Rowohlt Verlag, 254 Seiten
Taschenbuchausgabe von Mai 1983
Aus dem Französischen von Uli Aumüller
ISBN: 3499105810

Wertung: 8/10

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