Mittwoch, 21. Februar 2018

J. D. Salinger – The Catcher in the Rye (1951)




Tatsächlich war es dieser Roman, der mich im jugendlichen Alter ursprünglich für die ernstere Literatur begeistern konnte. Seitdem ist es unumstößlich unter meinen Lieblingsbüchern, ich habe es nunmehr bereits zwei Mal auf Deutsch und jetzt zum dritten Mal auf Englisch gelesen. Die Originalsprache ist wirklich der way-to-go, wenn es um dieses Buch geht; die Wortwahl ist nicht sehr anspruchsvoll, und die geschaffene Atmosphäre ist hier ungleich intensiver, einfach besser. Auch nach so vielen Durchgängen hat sich meine Begeisterung für das Buch nicht im Geringsten vermindert.

Es geht darin um den 16-jährigen Holden Caulfield, ein Internatsschüler an der Pencey Preparatory Academy (kurz: „Pencey Prep“). Er musste schon des Öfteren die Schule wechseln, und der Roman beginnt mit seinem neuesten Abschied: Er fiel in mehreren Fächern durch, sodass er der Schule verwiesen wurde. Es ist kurz vor Weihnachten, und Holdens Eltern wissen noch nicht von seinem Verweis. Sie gehen davon aus, dass er zu den Feiertagen nach Hause komme, Holden aber hat die Schnauze von der Schule und den Leuten dort so dermaßen voll, dass er unmöglich die paar Tage zur Überbrückung noch im Internat verbringen kann. Holden entschließt sich also am Samstag, nach New York zu fahren (das Internat ist in Agerstown, Pennsylvania) und dort die Zeit bis zum Mittwoch totzuschlagen. Holden trifft im Zug die Mutter eines Internatskollegen, den er sehr verachtet; er fährt mehrmals im Taxi herum, ruft alte Bekannte an, trifft sich mit manchen, geht in eine Piano-Bar und trifft die Ex-Freundin seines Bruders (welcher in Hollywood erfolgreich Filme schreibt), denkt oft an seine Jugendfreundin Jane, seine kleine Schwester Pheobe und seinen verstorbenen kleinen Bruder Allie. Kurz: Holden strömt ungelenkt durch das nächtliche Manhatten, wird wie von schicksalhaften Launen umhergeweht, er sucht das Glück, Identität, Halt, Menschlichkeit, und weiß oft selbst gar nicht, wie die Dinge eigentlich aussehen, nach denen er da sucht.

Der Roman ist aus Holdens Sicht in der Ich-Perspektive geschrieben, ganz klassisch in der ersten Vergangenheit. Was jedoch nicht so klassisch ist, ist die verwendete Sprache: Salinger legt Holden unentwegt eine vollkommen gleichgültige, vulgäre Sprache der Jugend in den Mund, mit „and stuff“, „like a madman“, „like a bastard“ und natürlich dem omnipräsenten „phony“. „Phony“ heißt dabei sinngemäß so etwas wie heuchlerisch, verlogen, aber wohl auch spießig. Die Wahrheit liegt irgendwo in einer Mischung aus diesen Ausdrücken, und es muss einfach sein Lieblingswort sein – alles, was ihn in dieser Welt stört, bezeichnet er als „phony“. Die Übertreibungen, die er bei der Schilderung von Sachverhalten durch die jugendliche Sprache an den Tag legt, macht das Buch oft extrem lustig; bei keinem anderen Buch muss ich regelmäßig so oft laut lachen, wie bei diesem. An einer Stelle erzählt er bspw. eine ganze Seite lang detailliert alle Einzelheiten, die sich in einem Film abgespielt haben. Bis zum Ende weiß man noch nicht, ob er das jetzt vielleicht gut oder schlecht fand – doch dann schreibt er den Satz:

„All I can say is, don’t see it if you don’t want to puke all over yourself.“ (S. 154)

Ein anderes Beispiel für die grundsätzliche Art und Weise, wie Holden erzählt, findet sich hier ganz am Anfang des Romans, als er über die geheuchelte Werbung der Pencey Prep schreibt:

„Pencey Prep is this school that’s in Agersville, Pennsylvania. You probably heard of it. You’ve probably seen the ads, anyway. They advertise in about a thousand magazines, always showing some hot-shot guy in a horse jumping over a fence. Like as if all you ever did at Pencey Prep was play polo all the time. I never even once saw a horse anywhere near the place. And underneath the guy in the horse’s picture, it always says: “Since 1888 we have been molding boys into splendid, clear-thinking young men.” Strictly for the birds. They don’t do any damn more molding at Pencey than they do at any other school. And I didn’t know anybody there that was splendid and clear-thinking and all. Maybe two guys. If that many. And they probably came to Pencey that way.“ (S. 4)

Einerseits ist Holden nicht ganz ernst zu nehmen, denn das tut er selbst bisweilen nicht. Er hat zu allem und jedem eine klare Meinung, zählt Ausnahmen zu diesen Meinungen detailliert auf und denkt grundsätzlich sehr in Schubladen. Man kann viele Aussagen in dem Buch unterteilen in „Dinge, die Holden mag“ (das wiederkehrende Stichwort dazu lautet: „it kills me“), und „Dinge, die Holden hasst“ (alles, was „phony“ ist). Er hält seine Meinung für unfehlbar und die einzige, die richtig sein kann, und mit seinen 16 Jahren lässt ihn das einigermaßen komisch aussehen, überheblich und arrogant sogar. Dennoch ist es eine reizvolle Weltanschauung, die er vertritt, eine rebellische, sich-nichts-bieten-lassende, und durch seine oft lustigen Gedankengänge gewinnt er den Leser in der Regel sehr schnell auf seine Seite. Salinger hat das wirklich unglaublich geschickt angestellt.

Die Komik ist jedoch nur das eine Element in dem Buch; ein mindestens genauso großer Teil ist Ernsthaftigkeit. Holden ist tatsächlich in einer tiefen Krise, Orientierung ist es, was ihm fehlt. Er weiß das auch, und er möchte seine Eltern und seine Schwester nicht enttäuschen. Holden jedoch kann nicht anders, er hat sich selbst von dieser Anschauung, dass alles irgendwie „phony“ sei, so sehr überzeugt, dass er beinahe nur an ursprünglichsten menschlichen Dingen noch Freude empfinden kann. Ehrliche Freude eines Kindes bspw., oder wenn Menschen Empathie füreinander aufbringen. An einer Stelle sagt er sinngemäß, er würde kein teures Auto für alles Geld der Welt wollen, lieber hätte er ein Pferd, das sei wenigstens menschlich. Aus dieser Sättigung der Welt heraus kann er es in der Internatsumgebung nicht mehr ertragen, das Lernen in der Schule liegt ihm nicht, und so fliegt er auch von der Pencey, eine neue Enttäuschung seiner Lieben steht bevor. Dass Holden gespalten ist, merkt man allein an seinen extremen Schwankungen: an einer Stelle wandert er einmal begeistert durch den ganzen New Yorker Central Park, um in ein Museum am anderen Ende zu gehen. Kaum ist er aber dort angelangt, kann er unmöglich hineingehen, es ist ihm plötzlich vollkommen zuwider geworden. Seine Launen finden sich auch in zahlreichen widersprüchlichen Statements wieder: „I’m quite illiterate, but I read a lot.“ Dann lässt er sich über Shakespeare, Somerset Maugham und andere aus. Auch neigt er dazu, ganze Sätze ohne Änderung direkt nacheinander zu wiederholen, nur mit einem vorangestellten „I mean“, was mich sehr an Hemingway erinnert hat. Ich mag das, weil es echt klingt. Was ich auch mag, sind die wunderbaren Endworte zu jedem der 26 Kapitel. Die richtigen Schlussworte zu einem Abschnitt zu setzen kann sehr schwer sein, und Salinger findet für Holden in fast jedem Kapitel einmalige Worte, die perfekt zu Holden und seiner Stimmung, zu dem Bild des Kapitels passen. Diese Worte sind nicht selten ein kurzes, nüchtern betrachtet absolut falsch pauschalisierendes Statement über die gesamte Menschheit – aber Holden weiß es nicht besser, und glaubt wirklich zutiefst an seine Grundsätze.

Eine kleine Auswahl:

„Goddamn money. It always ends up making you blue as hell.” (S. 126)

“People are always ruining things for you.” (S 98)

“I was crazy about The Great Gatsby. Old Gatsby. Old sport. That killed me. Anyway, I’m sort of glad they’ve got the atomic bomb invented. If there’s ever another war, I’m going to sit right the hell on top of it. I’ll volunteer for it, I swear to god I will.” (S. 156) 
 
Nach der Zugfahrt mitsamt nettem Gespräch wird Holden von der Mutter seines schlechten Klassenkameraden nach Hause eingeladen:

„But I wouldn’t visit that sonuvabitch Morrow for all the dough in the world, even if I was desperate.” (S. 66)

Noch viel, viel mehr (insbesondere Interpretierendes) gibt es über Holden und seine Entwicklung zu erzählen, aber Interpretationen (oder besser: Interpretierende) stehen gerne als alleingültig im Raum. Alles, was ich sagen kann, ist, dass es eines der besten Bücher ist, das ich kenne. Es hat mir auch nach der fünften Lektüre noch Neues offenbart und konnte mich wie in der Jugend sofort mitreißen. Ich glaube, dass es ein tolles Buch für Heranwachsende ist, die selbst ein wenig Orientierung brauchen können. Im richtigen Zeitraum der persönlichen Entwicklung gelesen, können einige Ideale vom guten Holden wirklich nachhaltig hängen bleiben; so war es bei mir zumindest der Fall. Mit einem möglicherweise etwas nostalgisch verfälschten Blick auf das Buch kann ich es mit bestem Wissen und Gewissen wirklich jedem Lesenden nur wärmstens ans Herz legen. „Der Fänger im Roggen“ ist vor allem wahrhaftig.

Little, Brown and Company, 234 Seiten
Taschenbuchausgabe von März 2014
ISBN: 9780316769488


Wertung: 10 / 10

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