Mittwoch, 27. Dezember 2017

Fjodor Dostojewski - Die Brüder Karamasoff (1880)




Gleich zur Sache, ohne Umschweife: In „Die Brüder Karamasoff“ erzählt Dostojewski die Geschichte vom wohl berühmtesten Vatermord in der Chronik der Weltliteratur. Ja, dieser Spoiler ist absolut unvermeidbar, wenn man etwas über das Buch loswerden möchte, und dieses Ereignis dürfte als derart allgemein bekannt vorausgesetzt werden wie etwa der verzweifelte Suizid der Anna Karenina. Es ist ein mächtiges psychologisches Werk, in dem alle Motive und stilistischen Eigenheiten Dostojewskis in einer Art von ekstatischem Schaffensrausch auf ein letztes Mal von dem großen russischen Schriftsteller kulminiert wurden.


Die Geschichte handelt von den drei namensgebenden Karamasoff Brüdern Aljoscha, Iwan und Dmitri. Während Aljoscha als frommer Charakter (und geheimer Held des Romans, weil moralisierend) im Kloster lebt, hat sich Iwan zu einem durch und durch rationalen Menschen und Intellektuellen herangebildet. Dmitri, der Erstgeborene, stammt dagegen als einziger von einer anderen, inzwischen verstorbenen Mutter und leidet sehr unter seiner Vermutung, dass ihn der Vater Fjodor Pawlowitsch um sein rechtmäßiges Erbe prellen möchte. Der verworfene Lebensstil des Vaters umfasst regelmäßiges Betrinken, unflätiges Geschwätz, maßlose Egozentrik und Einkehren bei diversen Damen. Dass er darüber hinaus Dmitris Erbe nicht herausrückt, ist nur eine der Säulen, auf der der enorme Hass auf den Vater gestützt ist; in die schöne Gruschenka ist nämlich sowohl der Vater als auch der Sohn verliebt. Die Ereignisse ketten sich aneinander und tatsächlich wird der Vater eines Nachts erschlagen aufgefunden, mit einem leeren Briefumschlag in der Stube. Das Geld darin wird vermisst, Dmitri jedoch taucht blutüberströmt an anderem Orte auf und verprasst einen plötzlich erlangten Reichtum.

Der Mord findet ziemlich genau in der Mitte des Romanes statt. Die erste Hälfte erzählt die Lebensgeschichten der Personen und wie sich ihre Einstellungen zueinander im Laufe verschiedener Ereignisse begründeten. Nach dem Mord beginnt die Ermittlung in diesem Kriminalfall, es finden Verhöre statt, Enthüllungen und Wendungen. Am Ende gibt es ein großes Gerichtsverfahren mit der endgültigen Schuldentscheidung von Geschworenen. Immer wieder gibt es dabei kleinere erzählerische Ausläufer zu den anderen Brüdern hin, die eigens das Schicksal von Dmitri verfolgen und wichtige Informationen sammeln.

Der Erzähler schreibt auktorial aus der Ich-Perspektive und wirkt damit als jemand, der die Charaktere alle persönlich kennt. Durch umgangssprachliche Formulierungen und Zugeständnisse der eigenen erzählerischen Unzulänglichkeit wirkte er bisweilen auf mich recht komisch und nicht immer ganz seriös. Er schreibt bspw. sinngemäß, dass er sich erinnerte, wie er im Gerichtssaal saß und wie die Leute auf gewisse Ereignisse im Prozess reagierten. Das liest sich so, als wäre er eine tatsächliche Figur in der Welt des Romans; dann aber legt er wiederum die Gedankengänge und Monologe von Personen akribisch dar, obwohl er diese Dinge im Falle einer tatsächlichen Figur nicht wissen kann. Die meiste Zeit herrscht dieser auktoriale persönliche Erzähler in tadelloser Tradition, der alles beobachtet und weiß; und dann stechen stellenweise diese Bemerkungen über den Erzähler selbst heraus, den man als personelle Instanz in diesem Figurenparadigma gerne übergeht und vergisst. Mir hat das allerdings nichts ausgemacht.

Das Vergessen der erzählerischen „Präsenz“ fällt umso leichter, als man die spannenden, rasanten Entwicklungen der Geschehnisse in der Handlung, aber auch in dem emotionalen Innenleben der Figuren verschlingen möchte. Dostojewski versteht es einfach Gefühlsregungen auf höchster stilistischer Ebene zu beschreiben und voranzutreiben. In einer hervorragenden, nicht-kitschigen Wortwahl werden Liebe, Hass, Zorn, Enttäuschung, Demütigung, Erniedrigung und alle anderen denkbaren Emotionen zu immer höheren Höhen getrieben, bis sie nur noch im Delirium des Fieberzustandes, in Wahnsinn, Verzweiflung oder Erlösung enden können. Dostojewskis Figuren sind ausnahmslos von Zweifeln und Leidenschaften innerlich zerfressen, ihr Handeln ist oft das Resultat plötzlicher Anwandlungen von Überschwänglichkeit. Durch diese affektive Unvorhersehbarkeit ist das Ganze außerordentlich spannend.

Die Grundstimmung des Buches ist eine sehr düstere, ärmliche, elende. Ich habe eine kleine, ganz unscheinbare Textstelle herausgenommen, die für mich perfekt in ein Bild packt, welche Szenen sich vor dem geistigen Auge beim Gedanken an Dostojewskis Welten abspielen:

„Mitja erhob sich und trat ans Fenster. Der Regen peitschte gegen die kleinen grünlichen Fensterscheiben. Gerade vor dem Hause lag die schmutzige Fahrstraße, in deren Radspuren sich schmutziges, braungraues Regenwasser angesammelt hatte, und dort weiterhin im Regennebel sah man die dunklen, armen, unansehnlichen Bauernhütten, die, wie es schien, durch den Regen noch dunkler und noch trauriger und noch ärmer geworden waren.“ (S. 808)

Es ist nun mal das Dostojewski’sche Universum, hier herrschen Armut, wahre russische Kälte und Elend, und um aus dieser Umwelt auszubrechen streben die Figuren hin zu Alkohol, Religion und Liebe. Und just dieses Universum, gerade in Verbindung mit dem meisterhaften Erzählstil Dostojewskis, hat bereits einen besonderen Platz in meiner Begeisterung für die Literatur eingenommen.

Was ebenfalls ganz herausragend anzumerken ist, sind ein, zwei konkrete Stellen in dem Roman. Die eine Stelle ist die Erzählung vom Großinquisitor, die Dostojewski dem Bruder Iwan als Erzähler in den Mund gelegt hat. Darin taucht im 16. Jahrhundert plötzlich Jesus in einem Ort auf, in dem gerade Ketzer verbrannt wurden. Jesus wirkt dort Wunder und wird vom Großinquisitor in Ketten gelegt, sodass auch dieser am nächsten Tag verbrannt werden soll. Des Nachts hält der Großinquisitor vor Jesus einen ellenlangen Monolog, aus dem geradezu Hass auf Jesus und seine Anwesenheit spricht. Jesus aber küsst ihn am Ende nur auf die Stirn und kann unversehrt von dannen ziehen. Dostojewski selbst hielt diese kleine Erzählung offenbar für das gelungenste Stück Prosa, das er je zustande gebracht hat, und sie ist tatsächlich voll von Spannung. Allein das Szenario ist ein sehr guter Einfall und es wird eine seltsame Absurdität heraufbeschworen, der es jedoch an Ernsthaftigkeit nicht fehlt – zumal es zur Auseinandersetzung philosophischer Gedanken wunderbar herhält.

Die zweite bemerkenswerte Stelle war für mich der Albtraum Iwans, der in seinem Nervenfieber eine Begegnung mit dem Teufel träumt. Gerade der rationale Iwan versucht sich die Vorstellung weg zu argumentieren, jedoch scheitert er ob des realistischen Aussehens und der Antworten im Gespräch, die er im Grunde allerdings doch als Erzeugnisse seines Unterbewusstseins erkennt. In der fiebrigen Schwäche und vielleicht auch mit einem Hauch Gleichgültigkeit vergisst er dieses Erkennen jedoch und unterhält sich recht angeregt über existenzphilosophische, vor allem nihilistische Gedanken. Diese Szene hat sich mir definitiv eingebrannt.

Und das ist, warum ich Dostojewski so bewundere. Nicht nur ist in seinen Büchern das zu finden, was die Literatur auf ihre Art wie keine andere Kunstform hergibt (sie geht an die Substanz, den Kern der Dinge), sondern gerade die Beherrschung der handwerklichen Fähigkeiten des Schriftstellers (d. h. das Erzählen, das Komponieren und Strukturieren, die Motivik, die Gestaltung der Figuren) ist auf einem so meisterhaften Niveau, dass die Vorstellung einer besseren Auseinandersetzung solch intensiver Gedanken geradezu unmöglich wird. Man nehme das Szenario des Großinquisitors und die beabsichtigte Darlegung philosophischer Ideen. Ein beliebiger anderer Schriftsteller hätte womöglich zu theatralisch oder zu pathetisch geschrieben, die Szene mit Realismus überladen. Was Dostojewski aber aus dieser Szene herausholt, wie er sie herleitet und ausarbeitet grenzt an Perfektion: der Großinquisitor mit seiner deutlichen missbilligenden Sprache trifft genau den richtigen Ton für dieses Bild. Die Beschreibung der Umgebung ist beinahe vernachlässigbar, viel wichtiger ist das Ideologische, das Gesprochene, das Ausdrücken. Und gerade in den Dialogen, die ja einen immensen Anteil an dem Roman ausmachen, kann Dostojewski vollends aufblühen, geradezu filmische Ausmaße nehmen die Auseinandersetzungen und Szenen an. Eigentümliche Sprechweisen von Personen unterschiedlicher Stände werden stets berücksichtigt, aber auf eine unterschwellige, unaufdringliche Art, eben gerade so sehr, dass der Leser den Unterschied zwischen den Parteien feststellen kann. Vieles davon ist sicherlich auch der Übersetzerin E. K. Rahsin zu verdanken, deren alte Dostojewski Übertragung bis zu jener von Swetlana Geier wohl als Standard im deutschsprachigen Raum galt.

Wenn ich einen negativen Punkt nennen müsste, wäre es wohl der Umfang. Für meinen Geschmack war der Roman ein paar Seiten zu lang, insbesondere der Gerichtsprozess hat sich gegen Ende hin doch recht gezogen; zumal der Leser an dieser Stelle die Schuldfrage bereits eindeutig geklärt hat und hier mehr weiß als das Gericht oder die Öffentlichkeit. Auch mittendrin gab es hin und wieder Stellen, die etwas kompakter hätten sein können, aber gewisse Längen sind bei einem solch komplexen, umfangreichen Werk vermutlich unvermeidbar.

Was gibt es also zu sagen? Das Buch ist ein einziger wahnsinniger Abgrund, es lässt sich auch heute noch sehr leicht und spannend weglesen. Die Figuren sind allesamt tiefgründig und komplex, charismatisch und niemals flach oder stereotypisch. Ist man erst in der literarischen Welt Dostojewskis richtig angekommen ist alles wie ein fieberhafter Traum, ein Taumeln und Suchen. Es gibt von mir nur wegen zwei Aspekten nicht die Höchstwertung: Einmal wegen den besagten Längen und außerdem, weil ich „Schuld und Sühne“ noch konzentrierter, noch wahrer, noch besser, noch mehr „Dostojewski“ finde. Falls im einen oder anderen ein wenig Interesse nach diesen Zeilen aufkommt: lies dieses Buch. Und falls nicht, dann auch.

Piper Verlag, 1342 Seiten
Taschenbuchausgabe von Oktober  2008
Aus dem Russischen von E. K. Rahsin
ISBN: 9783492253413


Wertung: 9 / 10


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen