Samstag, 11. November 2017

Rainer Maria Rilke - Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910)





Von Rilke kannte ich bislang nur Einzelnes seiner Lyrik – sie ist vollkommen, unerschöpflich. Immer wieder findet man neue Facetten und Bilder, und viel davon habe ich bei der Lektüre seines einzigen Romans (den er selbst nie als Roman bezeichnet hatte) wiederentdeckt. Mit welcher Lust an der Sprache, und mit welcher Kunstfertigkeit er in den wenigen Worten des Dichters die Essenz der Dinge zu erfassen versteht, das zu lesen war eine große Freude.

In den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge geht es um besagte Person, wie sie Erlebnisse aus ihrer Kindheit, Beobachtungen beim Leben in Paris und teils auch über Geschichte erzählt und kommentiert. Es ist alles in sehr kurzen Kapiteln gehalten, die mehr an ein Tagebuch erinnern. Geschrieben ist es fast durchgängig in einer extrem lyrischen Prosa, die sehr oft sogar gedichtähnliche Züge annimmt (s. Prosagedicht). Rilke widmet scheinbar unwichtigen alltäglichen Gegenständen die volle Sprachgewalt seiner dichterischen Schaffenskraft und malt damit in der Summe ein schillerndes Panorama von Paris Anfang des 20. Jahrhunderts, von existenziellen philosophischen Fragestellungen, von Gott und der Liebe, von der Dichtung, von Familie und Krankheit, und ganz besonders von dem Phänomen des Todes. Das hört sich recht abstrakt an? Stimmt, denn genau so liest es sich auch. Wer Rilkes Gedichte (oder auch die des Symbolismus im Allgemeinen) kennt, der weiß, wie gern dort in Abstraktion und Metaphorik geschrieben wird. Was mir an der Sprache Rilkes so gefällt, ist die nahezu vollkomme Abwesenheit von Kitsch, die bei Dichtern ja leider gar zu häufig zu finden ist.

Obwohl es mit knapp 230 Seiten ein relativ schmales Büchlein ist, habe ich recht lange daran gelesen. Das lag fast ausschließlich an diesem abstrakten, lyrischen Stil, der im Malte Laurids Brigge geschrieben wird. Oft wird keine Geschichte im herkömmlichen Verständnis erzählt, sondern eine dichterische Auseinandersetzung mit Gedanken und Beobachtungen jeglicher Art. Es wird freilich auch erzählt, aber viel davon ist bei mir nicht hängen geblieben (außer der herrlichen Szene, in der ein Nachbar von Malte das Stehen nicht ertragen konnte, weil er die Bewegungen der Erde und ihre Rotation spüren konnte, und fortan nur noch auf dem Bett lag und laut Gedichte von Puschkin vorlas). Dieser enorm gebündelte Stil ist auf Dauer schon anstrengend zu lesen, und man hat das ständige Gefühl, durch die „verschlüsselte“ lyrische Sprache beabsichtigte Aussagen zu verpassen. Wenn ich das Lesegefühl auf einen Satz bringen müsste, würde ich wohl sagen: „Die Dichte der Wahrheit in diesen Zeilen ist so hoch, dass sie nur in kleinen Portionen genossen werden kann.“ Ich glaube auch, dass dieses ein Buch ist, das man mehrmals lesen muss, bis es sich einem erschließt, und noch viel öfter, bis man es vollständig begreift. Trotzdem – schon nach dem ersten Lesen kann es keinen Zweifel daran geben, dass dieses Buch ein Meisterwerk ist, man kann ahnen, wie viel Potenzial in den Zeilen noch stecken muss.

Wer sich von lyrischer Prosa nicht abschrecken lässt, wer vielmehr vielleicht einmal herausfinden möchte, wie so etwas ordentlich gemacht wird – der soll dieses Buch ohne zu zögern hernehmen. Auch wenn man nicht alles versteht, was dort geschrieben steht, so ist es doch ein großes Vergnügen ganz einfach die Sätze zu lesen (was im Übrigen auch eine wunderbare Herangehensweise an das Lesen von Gedichten ist; legt man erst die schulisch beigebrachte Unart ab, ständig eine Intention des Autors erkennen zu wollen, fühlt man sich ungleich freier und erleichtert). Wie sie komponiert sind und klingen. Wahrscheinlich ist es ein Buch zum lauten Vorlesen.

Insel Verlag, insel taschenbuch (it 1640), 240 Seiten
Ausgabe von 1994

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