Dienstag, 31. Oktober 2017

Franz Kafka - Das Schloss (1926)




Ich bin ein großer Bewunderer Kafkas. „Der Process“ hat mir außerordentlich gut gefallen und seine berühmte Erzählung „Das Urteil“ nenne ich gar eine der besten, die je geschrieben wurden. „Die Verwandlung“ halte ich im Allgemeinen für überbewertet, auch wenn ich es in der Gesamtheit nicht schlecht finde. „Das Schloss“ beurteile ich eher weniger zugänglich, eher so wie „Amerika“ – aber dennoch bekommt man hier die volle Ladung des gedanklichen und sprachlichen Universums von Kafka.

Der Protagonist K. erreicht eines Tages ein Dorf, zu dem er vom Grafen des Schlosses, welches erhaben in einiger Entfernung zu sehen ist, als Landvermesser einberufen wurde. Bald schon stößt er auf seltsame Gepflogenheiten; er benötigt etwa eine amtliche Erlaubnis dafür, dass er in dem Dorf übernachten darf. Er versucht also in das Schloss zu telefonieren und die Lage zu klären, wird jedoch sofort von allen Leuten im Wirtshaus belächelt. Schnell wird klar, dass die Beamten des Schlosses geradezu in einem Akt der Apotheose zu unerreichbaren Göttern erhoben werden. K. will sich damit nicht abfinden und beharrt darauf, seinen Stand von offizieller Seite bestätigten zu lassen, was nur den Beginn eines lange währenden Kampfes gegen die unerklärbar komplizierte Schlossbürokratie darstellt. Es dauert nicht lange, bis er in dem Mädchen Frieda eine Geliebte findet. Diese war vormals die Geliebte des Schlossbeamten Klamm, der in einer so umfassenden Weise vom gesamten Dorf glorifiziert wird, dass die Leute aus kurzen Sichtungen Klamms, oder wie Frieda durch ihre Liebschaft mit ihm, wirkliche Lebensbedeutung ziehen. K. arbeitet in der Folge keinen Augenblick lang wirklich in seiner Sache als Landvermesser, sondern kommt in einer Schule unter, wo er in einem Klassenzimmer lebt und dort hausmeisterliche Tätigkeiten übernehmen soll. Eine weitere schicksalhafte Begegnung für K. ist die mit dem Schlossboten Barnabas und seinen Leuten, namentlich Olga und Amalia. K. freundet sich gewissermaßen mit Barnabas an, was jedoch die Ungunst des Dorfes beschwört, da die Barnabassche Familie ein unausgesprochenes Geheimnis aus der Vergangenheit mit sich trägt.

K.s so umfassende Versuche, jemand Bedeutendes aus dem Schloss zu sprechen (geschweige denn, selbst einmal einen Fuß ins Schloss zu setzen), sind die Elemente des wesentlichen Konfliktes in dem Roman. Kafka erzählt diese Geschichte in teilweise recht langatmigem Stil. Enorm viele Gespräche werden im Konjunktiv der indirekten Rede wiedergegeben. Ein ganz bezeichnender Teil seiner Erzählweise scheint mir die Art und Weise zu sein, wie er die Gedanken einer Figur zergliedert. Glaubt etwa K., in irgendeiner Situation falsch gehandelt zu haben, oder begegnet er etwa einer ihm bösartig gesinnten Figur, geht es so richtig los: seitenlang werden die Gedanken zu dem entsprechenden Umstand von jedem nur erdenklichen Blickwinkel betrachtet, wie hätte er reagieren sollen, wie hat er tatsächlich reagiert, was waren die Gründe dafür, was waren die Ursachen für das Verhalten der anderen Parteien usw. Schon in den anderen Schriften von Kafka fiel mir diese Eigenheit stark auf, und sie ist in seinem Erzählen derart prominent vorhanden, dass es der Leser entweder mögen oder nicht mögen muss.

Das „Kafkaeske“, wie es so schön heißt, ist auch hier wieder präsent, und das sind immer die Bestandteile in seinen Werken, die mir am meisten Freude zu lesen bereiten. Dabei handelt es sich im Grunde um Situationen, die zwar einerseits irgendwie realistisch erscheinen, gleichzeitig aber seltsam absurd präpariert sind, völlig entgegen logischen Schlüssen konstruiert. Wichtig dabei ist, dass das surrealistische Element hierbei noch nicht vorkommen darf (bspw. ist ja die Verwandlung Gregor Samsas zum Käfer klarer Surrealismus, da so etwas nie passieren kann). Die kafkaesken Situationen sind dagegen viel subtiler, dezenter – und bisweilen wird einem erst nach dem Lesen, im Rückblick auf das soeben gemalte Gesamterscheinungsbild klar, dass dies eine vollkommen unrealistische Situation war. Ein Beispiel, das mir besonders gut gefiel, war die Szene, in der K. im Keller des Herrenhofes zugegen war, um den Schlosssekretär Erlanger zu treffen. Es wurde ein Korridor beschrieben, in dem sich auf beiden Seiten viele Türen befanden, die alle stets (sprichwörtlich) geöffnet sein mussten, hinter denen die jeweiligen Beamten wohnten und walteten, „Verhöre“ mit Bittstellern usw. anstellten. Die Wände, in die die Türen eingelassen waren, jedoch, gingen nicht bis ganz hinauf zur Decke, sodass jeder gegenseitig die Geräusche aus den Zimmern der anderen klar hören konnte. Eine andere Szene in ähnlicher Prägnanz ist in „Amerika“ die, in der der Protagonist des nachts einen unfassbar eifrigen Studenten beim Schreiben begegnet. Oder der wechselhaft gefüllte Gerichtssaal mit der extrem niedrig hängenden Decke, oder die Dachgeschossbüros mit der unbeschreiblich heißen, stickigen Luft im „Process“. Solche Szenen hinterlassen einen so seltsamen, befremdlichen Eindruck im Leser, wie ich sie außer bei Kafka noch nirgends gelesen habe. Stets sind dies Stellen, die dem Protagonisten einen Stein in den Weg werfen, ihn in eine komische Umgebung platzieren und ihm die anfänglichen Hoffnungen beim Betreten der Szene letztendlich nur kaltblütig entreißen und ihn im großen Ganzen seines Kampfes gegen die Obrigkeit, die Bürokratie, das „Andere“ ungleich weiter zurückstoßen. Der Leser verfolgt bei Kafka immer wieder, wie sich der Protagonist bemüht, pflichtbewusst und korrekt zu handeln, dabei jedoch ständig Hass, Ablehnung, Unverständnis und Schuldzuweisung auf sich lenkt.

Im Gesamtkonzept fand ich so rückblickend den „Process“ am geglücktesten, hier wimmelt es an jeder Ecke von erzählerisch bewundernswürdigen, kafkaesken Situationen, in denen man dem Protagonisten gar nicht genug Empathie und Kampfeswillen entgegenbringen möchte. „Das Schloss“ ist vor diesem Hintergrund ein durchaus stilsicherer Roman (d. h. im ganz eigenen Stile Kafkas), der mich allerdings stellenweise gelangweilt hat und nicht immer zu packen wusste. Als fortgeschrittene Anlaufstelle für Kafkas Werk ist „Das Schloss“ also mit Sicherheit lesenswert, zum Einstieg würde ich dazu allerdings nicht raten.

suhrkamp taschenbuch 2565, 424 Seiten
Ausgabe von 1996
Bestandteil der schönen Reihe "Suhrkamp Romane des Jahrhunderts" in schwarzem Pappeinband und glänzender Schrift, erschienen zw. 1996 und 2004 (?) (allesamt ohne ISBN)

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