Samstag, 21. Oktober 2017

David Foster Wallace - Unendlicher Spaß (1996)




Nur zufällig stieß ich über diesen Roman (ich weiß gar nicht mehr genau, wie), aber die Beschreibungen des Buches weckten mein Interesse; es war die Rede von einem postmodernen kolossalen Jahrhundertmeisterwerk in den Riegen von Pynchon und DeLillo, von einer Sprachgewalt und Experimentierfreudigkeit eines Ulysses und einem der wegweisendsten modernen Klassiker des beginnenden 21. Jahrhunderts. Alles Marketing-Geschwurbel? Ich hatte jedenfalls das ungewöhnlich starke Gefühl, dieses Buch mit seinen Gedanken in diesem Abschnitt meines Lebens lesen zu müssen, dass es mich vorwärtsbrächte und so habe ich mich trotz meines riesigen ungelesenen Stapels mit voller Kraft auf die Lektüre dieses Romans gestürzt. Und ich habe jedes einzelne Wort auf jeder der gut 1550 Seiten gelesen. Knapp zwei Monate lang. Was man definitiv über das Buch nicht sagen kann, ist der klischeemäßige Ausdruck: „Kein Satz, kein Wort darin ist zu viel geschrieben!“

Worum geht es also in dem Roman? Die Buchrückseite sagt, die Schüler einer Tennisakademie und die Insassen einer Entzugsanstalt machten sich auf die Suche nach einem dermaßen unterhaltsamen Film, dass der Zuschauer am Ende verhungert und verdurstet sei. Diese Zusammenfassung ist nicht nur falsch (beide erwähnten Parteien suchen kein einziges Mal nach diesem Film), sondern auch vollkommen unrepräsentativ, auch wenn ich aus Marketingaspekten das Versteifen auf diesen unfassbar unterhaltsamen Film nachvollziehen kann. Aber von vorne. Schauplatz der Geschichte ist Boston in einer Zukunft, die 1996 (dem Erscheinungsjahr des Buches) nicht allzu weit entfernt ist. Die Jahre sind keine einfachen Zahlen mehr, da sie von der Sponsorenzeit abgelöst wurden; jedes Jahr kann von einer Firma gekauft werden, sodass der größte Teil der Geschichte im „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“ spielt. Andere Jahre heißen „Jahr der Milchprodukte aus dem Herzen Amerikas“, „Jahr der mäuschenstillen Maytag-Spülmaschine“ oder das alle Grenzen sprengende „Jahr des Yushityu 2007 Mimetische-Auflösungs-Patronensicht-Hauptplatine-Leicht-Zu-Installieren Upgrades Für Infernatron/InterLace TP-Systeme Für Heim, Büro oder Unterwegs“, usw. Die Freiheitstatue wird entsprechend dem beworbenen Produkt jährlich umgestaltet, sodass sie immer das Produkt des aktuellen Jahresnamens in die Höhe streckt. Diese Zeitrechnung hat ihren Ursprung in folgender Tatsache: Die USA, Mexiko und Kanada haben sich zur Organisation Nordamerikanischer Nationen (O.N.A.N.) zusammengeschlossen; in der Folge wurde der US-Bundesstaat Maine (so habe ich es aufgefasst) zu einer riesigen Müllkippe verwandelt. Die dadurch wegfallenden Steuereinnahmen sollen durch den Verkauf der Jahresnamen an private Firmen wieder kompensiert werden.

Wie man merkt, ist das Ganze eine Konstellation von großer Komik und Sarkasmus. Soviel nur zu dem groben geschichtlich-geographischen Hintergrund des Romans. Die Handlung der Geschichte springt zwischen der Junior-Tennisakademie E.T.A (Enfield Tennis Academy) und dem Enfield-Entzugsheim für Drogensüchtige, immer wieder gespickt und unterbrochen von Szenen, die Rückblicke bekannter Personen darstellen, oder aber rein zufällig erscheinende Beschreibungen von Menschen, die später keine weitere Rolle mehr spielen. Der Personenkreis der Tennisakademie dreht sich um den jungen Hal Incandenza, dessen Vater die Tennisakademie gründete und außerdem Regisseur von künstlerisch anspruchsvollen Filmen war (u. a. von „Unendlicher Spaß“, jener aufzehrende Film, der auf der Buchrückseite erwähnt wird), bis er sich irgendwann umbrachte, indem er seinen Kopf in die Mikrowelle steckte. Die Hauptfiguren an diesem Schauplatz sind seine Mutter Avril (ebenfalls leitende Tätigkeit in der Academy), sein Bruder Mario (behindert, etwas zurückgeblieben, aber der Erbe der filmischen Begeisterung seines Vaters, ist an der Academy sozusagen der Filmer von Matches und allem, was sonst so anfällt) sein Bruder Orin (um einiges älter, in der Jugend ebenfalls zunächst aufstrebendes Tennistalent, später aber erfolgreicher Punter (d. h. er kickt den Football einer professionellen Football-Mannschaft), sein enger Freund Michael Pemulis (E.T.A-weiter Anlaufpunkt für Drogengeschäfte, sauberes Urin bei Kontrollen und in Fragen des Academy-Zeitvertreibspieles „Eschaton“, bei dem auf einem großen Platz Schüler gewisse Länder und Interessen vertreten, sich dann mit Tennisbällen und Schlägern beschießen und so Krieg spielen, aber mit akribisch mathematischer IT-gestützter Kontrolle darüber, welche metaphorischen Bombeneinschläge wie viel Schaden anrichteten), sein anderer enger Freund Ortho Stice (nach dem Schüler namens John Wayne der beste Tennisspieler der E.T.A). Hal selbst ist psychisch abhängig von Cannabis und zieht sich zum Rauchen oft in die unterirdischen Gänge einer riesigen Lüftungsanlage zurück, die das gesamte Gelände durchzieht. Hals Tennisfähigkeiten sind mit ganz oben angesiedelt, nach Ortho Stice heißt es, doch es schwant ihm, dass sein Drogenkonsum mit einer Laufbahn im Leistungssport unvereinbar ist. Die Jungs und Mädels träumen alle von „der Show“, d. h. von Fotos in Magazinen und der erfolgreichen Wettkampfkarriere nach dem Academyabschluss, und stehen dementsprechend ununterbrochen unter unvorstellbarem Leistungsdruck.

Der zweite Handlungsschauplatz ist die Enfielder-Entzugsklinik unter der Leitung von Pat Montesian, aber die eigentliche Hauptfigur in diesem Setting ist der Betreuer Don Gately. Gately ist Ende zwanzig, riesengroß und hat einen ebenso großen Kopf. Er war früher selbst massiv drogenabhängig, hat sich einmal mit einem Fixerfreund tagelang ohne Unterbrechung Dilaudid gespritzt. Dilaudid noch nie gehört? Keine Angst, nach der Lektüre dieses Romans sind dem Leser so ziemlich alle gängigen Drogen bekannt, mitsamt detaillierter Beschreibungen der Unterschiede des Rausches, möglicher Konsumformen, dem medizinischen Namen in chemischer Nomenklatur usw. Es geht in diesem Umfeld enorm viel um Selbsthilfegruppen, Treffen der Anonymen Alkoholiker und allen weiteren denkbaren Anonymen- , um den Alltag in einem solchen Entzugsheim mit allen Ärgernissen, die auf Gatelys Rücken ausgetragen werden, um das „Durchhalten“ und um ganz spezielle Regeln bei den Treffen, um das „Identifizieren“ und Nicht-Verurteilen mit den unfassbaren Geschichten anderer Süchtiger und vieles mehr.

Und dann gibt es noch die Rollstuhlattentäter. Was?
Ja genau. Aus Quebec hat sich eine Zelle von Unabhängigkeitskämpfern herausgebildet, die samt und sonders ausschließlich Rollstuhlfahrer aufnimmt und politisch motivierte Morde zur Erlangung von Quebecs Unabhängigkeit ausübt. Sie nennen sich „Assassins des Fauteuils Roulants“ (A.F.R.) und haben an einer Stelle beispielsweise einen riesigen Spiegel auf die Fahrbahn gestellt, sodass ein fahrendes Auto glaubt, ein anderes würde voll auf es zuhalten, obwohl es nur sein eigenes Spiegelbild ist, und in der Folge würde es kurz vor dem Zusammenprall weglenken und tödlich im Graben oder am Fuße einer Klippe verenden. Die A.F.R. suchen nach einer Kopie von „Unendlicher Spaß“, um diesen Film, die ultimative Unterhaltung, als mächtige Waffe einzusetzen. Eine wiederkehrende Szenerie dieses Bestrebens ist eine Felsnase, auf der des nachts ein A.F.R.-Terrorist, Remy Marathe, sich mit Steeply trifft, einem Tripelagenten vom O.N.A.N.istischen Geheimdienst, der eigentlich bestrebt ist, die Verbreitung des Films zu unterdrücken.

Das dürfte die ganz grobe Rahmenhandlung des Romans in etwa abdecken. Zum Stil und dem Format des Buches ist auch einiges anzumerken: verschachtelte Sätze von enormer Länge, gespickt mit Abkürzungen, Fachbegriffen und sehr gehobener sonstiger Wortwahl sind die Regel. Eigentlich ist das gesamte Buch so geschrieben. David Foster Wallace driftet hierbei punktuell auch in unterschiedlichste moderne Erzählstile ab: Bewusstseinsstrom und innerer Monolog, in Dialekt geschriebene ganze Kapitel und Dialoge, die im Theaterstil gehalten sind. Seitenlange bloße Aneinanderreihungen von Zeitungsmeldungen, als etwa ein Film von Mario beschrieben wird. Alles das ist nicht neu, viele große Autoren der Moderne haben selbiges getan; aber die Wirkung ist trotzdem da, und die Art, wie er diese Dinge schreibt, zeugt davon, dass er diese Erzählstile durchaus beherrscht. Die Sprache ist zwar gehoben, aber dennoch gut lesbar. David Foster Wallace versteht es, die beabsichtigte Aussage in langen Sätzen immer wieder hervorzuholen, zu betonen, sodass man sich nicht darin verliert. Und so kryptisch wie ein Ulysses ist es auch nicht.

Ein großer erwähnenswerter Punkt ist seine Arbeit mit Fußnoten. Fast 400 Fußnoten, die am Ende des Buches angehängt sind, finden sich in dem Roman, sodass man beim Lesen fortwährend hinten nachschlagen muss, welche Informationen der Autor an dieser oder jener Stelle für ergänzenswert erachtet hat. Manchmal besteht so eine Fußnote nur aus einem Wort, manchmal aus einem Verweis zu einer anderen Fußnote, einige Fußnoten sind viele Seiten lang, ganze Kapitel eigentlich, und haben nochmal eigene Fußnoten, die am Ende der jeweiligen Fußnote zu finden sind. Erschwert wird das Lesen durch den Umstand, dass der gesamte Text im Bereich des Anhangs etwa doppelt so klein gedruckt ist, wie der normale Romantext; die etwa 130 Seiten, die der Anhang ausmacht, stehen somit in einem Missverhältnis zum normalen Lesefortschritt, und manchmal liest man eine ganze „Lesesitzung“ nur an einem Fußnotenkapitel. Ich habe sämtliche Fußnoten komplett gelesen, und manchmal sind sie meiner Meinung nach schon sehr überflüssig. Es werden unendlich viele Namen von Drogen und Schmerzmitteln in einer Fußnote mit dem dazugehörigen chemischen Namen ergänzt, und dem (fiktiven?) Pharmazieunternehmen, das diese herstellt und vertreibt. Wem soll das etwas nützen? Andere Fußnoten sind wieder sehr lustig und werfen Licht auf Umstände, die später im normalen Romantext erwähnt, aber nicht mehr erklärt werden, sodass das umfassende Nachvollziehen der Geschichte untrennbar mit den Fußnoten einhergeht. Amüsant war zum Beispiel die Filmographie des verstorbenen Vaters von Hal, in der David Foster Wallace offenbar alle hypothetischen Ideen von experimentellen Filmen abgeladen hat, die ihm irgendwie einmal in den Sinn kamen. Diese Filmographie zeigt bspw. auf, dass von dem berüchtigten Film „Unendlicher Spaß“ fünf oder sechs unterschiedliche Realisierungen existieren; dass Hals Vater einen Film über alle John Wayne heißenden Figuren gedreht hat, die nichts mit dem legendären Schauspieler zu tun haben; einen Film, bei dem das Kinopublikum live gefilmt wurde und sich so lange selbst beobachtet hat, bis alle verstört und verärgert das Kino verließen; und noch sehr viele weitere, sehr amüsante Ideen, oftmals mit viel Surrealismus. Nicht selten hat man beim Lesen einen riesigen Textblock vor Augen, da Absätze meist spärlich eingesetzt werden.

Ein Beispiel einer Seite von Fußnoten.

Das alles liest sich jetzt mit Sicherheit sehr abschreckend – und tatsächlich erfordert dieses Buch die Bereitschaft, sich auf eine für mich bisher ungekannte intensive Art auf ein immens umfangreiches Werk einzulassen. Jetzt, nachdem ich das Buch seit wenigen Tagen abgeschlossen habe, sehe ich mich noch außerstande, ein neues Buch zu beginnen. Viel zu oft denke ich an all die Personen und Szenen, die David Foster Wallace beschrieben hat, noch bin ich gedanklich gefangen in seinem Schreibstil. Und auch wenn die Lektüre Mühe gekostet hat, fühle ich mich belohnt. In einer seltsam meditativen Weise habe ich irgendwann das ganze Seitenzählen, dem man beim Lesen gerne anheimfällt, vergessen, habe nur noch gelesen, so viel ich konnte, und mich nicht um den Fortschritt geschert. Wenn ich so darüber nachdenke, fühle ich auf gewisse Weise eine Parallele zu dem Ablauf der AA-Treffen, die in den Kapiteln des Entzugsheims geschildert werden; es wird einem eingetrichtert, nichts zu hinterfragen, einfach zu glauben und diszipliniert mitzumachen. Weil ich viele Begriffe und Erläuterungen in dem Buch mangels Fachwissen nicht verstanden habe, habe ich sie als gegeben hingenommen und festgestellt, dass sie für das große Ganze nicht wichtig sind. Wenn ich das Buch auf ein Kernthema zusammenfassen müsste, würde ich definitiv sagen: Sucht. Es wird verdeutlicht, wie sich Süchtige verhalten, wie sie denken, nach welchen Dingen der Mensch süchtig sein kann (und bei Gott, Drogen sind ja beinahe das kleinste Suchtmittel in der Gesellschaft), welche Folgen exzessive Befriedigung des Suchtverlangens nach sich ziehen kann. Dass solches Suchtverhalten, oder das Attraktivfinden von Suchtmitteln, beinahe immer etwas mit Verdrängung und Eskapismus zu tun hat. Das Buch macht vor keiner Darstellung Halt, das sollte einem interessierten Leser bewusst sein. Teils werden extrem verstörende Dinge beschrieben, einige wenige Male musste ich das Buch nach einem Kapitel schließen, weglegen und konnte gar nicht fassen, was ich da gerade gelesen hatte. Aber das ist die Realität – oder zumindest habe ich keinerlei Zweifel daran, dass derartige Schilderungen sich irgendwo tatsächlich abspielen (ausgenommen der Morde von den Rollstuhlattentätern vielleicht, von denen einer auch in einer so enorm widerlichen Weise beschrieben war, dass mir ganz anders wurde). Es werden Kinder missbraucht, es passieren Fäkalienunfälle im Zusammenhang mit sämtlichen Drogen, es werden Tiere gequält und getötet, es werden Menschen gefoltert und Verstümmelungen beschrieben. David Foster Wallace sagte einmal sinngemäß, dass es eine gewisse Übung erfordert, aus anstrengender, deprimierender, todgeschwängerter Lektüre Vergnügen zu ziehen; und das würde ich definitiv so unterschreiben. Bücher sind zur Unterhaltung da, und schöne, unterhaltende Bilder sind in diesem Buch erst nach tiefem Schürfen und Auseinandersetzung mit der ständig einhergehenden Komik zu finden. Was aber angesichts der beabsichtigten Message des Buches auch gar nicht verwunderlich ist: ein Film, der die totale Unterhaltung darstellt, soll als eine Mordwaffe missbraucht werden. Die Sponsorenzeit. Es gibt so viele Elemente in diesem Buch, die klar als Offensive gegen den werbeorientierten Kapitalismus gerichtet sind. Eine besonders lustige Stelle fand ich die Beschreibung von Marios Film, in dem er eine Kabinettssitzung des U.S.-Präsidenten satirehaft nachstellt. Als diese dort gerade die Evakuierung von Maine (?) zugunsten der Umwandlung zu einer Müllhalde behandeln und sich fragen, ob diese Menschen dann nicht alle Flüchtlinge seien und welche Wirkung das auf die Öffentlichkeit habe, wird definiert, dass Flüchtlinge mit Ochsen reisen müssen, einen gewissen Anteil nackter Kinder beinhalten müssen usw., sodass in der Folge die Windelproduktion und entsprechende kostenlose Verteilung zur Reduktion des Nackte-Kinder-Anteils erhört wird, und somit die Flüchtlingseigenschaft nicht mehr zutrifft. Das war wirklich herrlich zu lesen.

Andere Schilderungen betreffen etwa den Fitnessguru der E.T.A., Lyle, der den Schülern gerne den post-sportlichen Schweiß ableckt und ihnen als eine Art Psychologe dient. Oder die Erzählung von der Frau, die ein Außenherz in einer Handtasche herumtragen muss, d. h. ihr Herz wird wirklich von außen betrieben, und als ihr die Handtasche mitsamt Herz geklaut wird, muss sie dem Dieb ewig hinterhersprinten und versagt letztlich natürlich. Oder die Geschichte, in der ein Vater im Schultheater-Engelskostüm seiner kleinen Tochter vor dem Spiegel im Keller tanzt und verdutzt guckend von ebendieser erwischt wird. Oder der durchschnittliche Tennisspieler Clipperton, der stets damit drohte, sich beim Verlieren eines Matches zu erschießen und aus Nachdruck-Verleihungsaspekten ausschließlich immer mit Pistole in der Hand spielte, damit schließlich formal der Ranglistenerste wurde, weil niemand seinen Tod auf dem Gewissen haben wollte. Gefühlt unendlich viele weitere solche Miniporträts voll stechendem Schmerz beim Zusehen der Bilder im Kopf stehen in dem Buch. Depressionen sind auch so ein Riesenthema. Wie das Gefühl der Depression bspw. von der Entzugsheim-Insassin Kate Gompert, später aber auch von anderen, wiedergegeben wird, fand ich völlig unvergleichlich. Es ist fast unvermeidbar zu erwähnen, dass David Foster Wallace selbst jahrelang schwere Depressionen hatte und sich schlussendlich 2008 umgebracht hat. Hier werden keine Happy-Ends erzählt.

Das typische blockhafte Erscheinungsbild beim Lesen. Hier beispielhaft ein Ausschnitt über den selbstmordgefährdeten Clipperton.

Was hier natürlich noch ganz unbedingt erwähnt werden muss, ist die unfassbare, sechs Jahre dauernde übersetzerische Leistung dieses sprachgewaltigen Monuments von Ulrich Blumenbach. Das englische Original kann ich nicht beurteilen, da ich es nicht gelesen habe, aber im Deutschen sind sämtliche Töne der verschiedenen Gesellschaftsschichen und Milieus passend übertragen; die mächtigen Satzkonstrukte gehen in der deutschen Übersetzung ausnahmslos perfekt auf und klingen nirgends holprig. Englische Szenebegriffe werden teils als englische Verben im Deutschen übernommen ("coppen", "teamen") usw., was aber nicht hinderlich ist, da die Bedeutung trotzdem klar wird. Aus originalen 1079 Seiten wurden im Deutschen immerhin ganze 1545; ob diese nicht geringe Steigerung notwendig war, kann ich ebenfalls nicht beurteilen. Da sich die Sprache den Szenen wunderbar anpasst und mir wirklich rein gar nichts daran auszusetzen einfällt, kann ich die Übersetzung nur für vollends gelungen halten.

„Unendlicher Spaß“ hat mir eine absolut unvergleichliche, bisher ungekannte Leseerfahrung beschert. Obwohl ich schon einige dicke Bücher gelesen habe und dementsprechend das Eintauchen in die Welt des Romans gut kenne, passierte dieser Prozess hier auf eine extrem intensive Weise, die mich noch tagelang nach dem Beenden gefesselt hielt. Ich habe im Internet Details über die Geschichte recherchiert und stieß auf Fan-Theorien in aberwitzigem Ausmaß – die aber bei nüchterner Betrachtungsweise alle Sinn ergaben. So erfuhr ich erst hinterher, dass das erste Kapitel des Buches nach dem Ende des Buches spielt – und als ich es erneut las, sah ich die geschilderten Ereignisse plötzlich in klarerem Licht. Die chronologische Einordnung wird durch die enorm fragmentierte Erzählweise nicht begünstigt – es sind ja Kapitel aus unterschiedlichen Jahren (nur mit dem Sponsorennamen benannt, was die chronologische Einordnung nochmals erschwert) und darin in unterschiedlichen Monaten und Tagen scheinbar willkürlich aneinandergereiht. Wenn man beim Anfang des Buches mit dieser Geschichte konfrontiert wird, versteht man für eine ganze Zeit lang nicht viel, und es war irgendwie befriedigend, die gleiche Stelle, die beim ersten Lesen verwirrend war, dann nachvollziehbar vorzufinden – alle erwähnten Personen im Laufe der 1550 Seiten in- und auswendig kennen gelernt zu haben und ihnen dann plötzlich wie alten Bekannten zu begegnen. Was auch erst danach gewirkt hat, war die Erkenntnis, wie die Figuren alle miteinander verknüpft sind und wie einschneidende Ereignisse in der Geschichte nur in einem einzigen beiläufig geschriebenen Nebensatz erwähnt werden. Es ist diese unglaubliche Fülle an Komplexität und wie Zahnräder ineinandergreifenden Details, die mich wirklich noch lange derart auf das Buch fokussiert hielt, dass ich nur den verschachtelten Stil von Wallace für den Stil hielt, der geschrieben werden dürfe, nur seine Gedanken gab es, seine Figuren, seine Beschreibungen von menschlichen Abgründen. Ein weiteres Detail, das mir erst später klar wurde, war die Tennisanalogie des ständigen Vor- und Zurückspringens beim Lesen zu den Anmerkungen und zurück zum Text. Wenn man diesen Ablauf streng befolgt (und die Fußnoten sind tatsächlich Pflicht), wird man immer an der Stange gehalten, muss aktiv dabeibleiben, kann nicht einfach über die Geschichte hinwegfliegen. Es ist wirklich wie ein Versinken in der riesigen Masse des Buches, ohne groß darüber nachzudenken – und irgendwann fühlt es sich dort gut an. Trotz der Ausschweifungen im Stil entsteht eine seltsame, vielleicht sogar unerklärbare Sucht danach, weiterzulesen – man ist schlicht und ergreifend gefangen und kann dem nicht ausbrechen. Und just diese subtile Sucht nach der Welt von „Unendlicher Spaß“, dass Wallace es schafft, dieses Gefühl heraufzubeschwören, macht das Gesamtkonzept des Romans, das sich ja zu einem riesigen Teil um die Sucht in all ihren Facetten dreht, umso genialer. Ein solches Buch habe ich vorher noch nicht gelesen, und ich glaube es ist schwer, ähnliches auszumachen.

Das Buch hat mich schwer beeindruckt zurückgelassen. Es ist wirklich keine leichte Kost, es werden viele schreckliche Sachen erzählt, aber ich habe das Gefühl, unendlich viel daraus gelernt zu haben. Etwa, dass es eigentlich keinen Menschen ohne irgendwohin gerichtete Sucht gibt, welcher Art dies auch immer sein mag (Alkohol, Drogen, Zigaretten, aber auch Sport, Schlafen, das Geldausgeben oder Eskapismus in jeglicher sonstigen Form). Dass alle Menschen demnach immer die zeitnahe Befriedigung dieses Triebes suchen. Es wäre dennoch nicht richtig, dieses Feld als einzig Lehrreiches anzumerken; enorm viele miniaturhafte Darstellungen, einfache Szenen haben oft eine extrem starke bildhafte Wirkung, was natürlich durch den ausschweifenden Stil bedingt ist. Sucht ist zwar in meiner Auffassung das Hauptmotiv (nirgends sonst habe ich bislang solche Beschreibungen im Zusammenhang mit der Sucht gelesen), aber genauso behandelt werden das Streben nach Erfolg, das einfache Klarkommen im Alltagsleben, Jugendkriminalität, familiäre Komplexe jeglicher Art und noch viel mehr. Aber der Umfang des Buches sollte verdeutlichen, dass es keine einfache Zusammenfassung geben kann. Jeder Leser wird es für sich selbst anders erfahren, andere Lehren daraus mitnehmen; allein die Fülle der enorm spannenden Interpretationsansätze im Netz sind Zeugnis dessen. Für mich kann ich jedenfalls deutlich sagen, dass sich der Aufwand gelohnt hat, auch wenn ich denke, dass der Umfang deutlich reduziert hätte werden können, auch wenn der Stil bisweilen durch Abkürzungen und Fachbegriffe und Verschachtelungen an die Grenze der Unlesbarkeit stößt, auch wenn es (insbesondere am Anfang des Buches) manchmal schwer war, sich angesichts des Umfanges zum Weiterlesen zu motivieren. Ist es also ein Jahrhundert-Roman, wie eingangs die Frage lautete? Ich sage ja. Das Buch ist monumental – es polarisiert, das ist keine Frage. Entweder man hört es nach 150 Seiten deprimiert auf, oder man wird ein Wallace-Süchtiger und liest jedes einzelne Wort davon. Und das ist doch eine sagenhafte, wertvolle Leistung.

Rohwolt Taschenbuch Verlag, 1545 Seiten
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach
ISBN: 9783499249570
5. Auflage Oktober 2016

Wertung: 9 /10




Das Buch ist ein riesiger Brocken mit 1545 sehr dünnen Seiten.

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