Sonntag, 20. August 2017

William Shakespeare – Gesammelte Werke (1616)




In einer plötzlichen Anwandlung, grobe grundsätzliche Lücken meines bisherigen Leserlebens füllen zu wollen, habe ich mir zunächst vier Stücke von Shakespeare vorgenommen. Vorher hatte ich Macbeth und Hamlet gelesen und in ein paar einzelnen Sonetten gestöbert; jetzt kommen dazu: Romeo und Julia, Ein Sommernachtstraum, Der Sturm und King Lear. Die Jahresangabe im Titel ist das Todesjahr Shakespeares, was mir aufgrund der gesammelten Behandlung der Stücke passend erschien, da zumindest zu diesem Zeitpunkt alles geschrieben war.

Shakespeare kritisch zu bewerten ist wirklich schwierig; angesichts der riesigen Rezeption als vermutlich größter europäischer Dichter stehe ich bei solchen Lektüren immer erst mal ein wenig wie der Ochs vorm Berg. Man traut sich ja kaum etwas Negatives anzumerken, denn es würde von der Literaturwissenschaft gemeinhin als Unverständnis des Lesenden abgetan. Nun, nachdem ich Romeo und Julia (1595) gelesen hatte, nahm mir Shakespeare (bzw. Schlegel in der deutschen Übersetzung) alle diese Bedenken, denn ich war restlos begeistert. Größtenteils frei von Kitsch, wie er mir (etwa zuletzt bei Novalis) säuerlich aufstoßen könnte, auch wenn natürlich „Kitsch“ auch ein subjektiver Begriff ist, und viele Leute das Geschwurbel Romeos und Julias vom heutigen Standpunkt aus durchaus als den Inbegriff des Kitsches sehen dürften. Allein, ich weiß freilich, dass man diese veraltete Sprache Shakespeare nicht zulasten legen darf; sie hat ja schon 400 Jahre überstanden! Dieses Bewusstsein ist meiner Meinung nach beim Lesen von Shakespeare unvermeidbar – und gibt man sich erst einmal dieser unendlich poetischen Sprache hin, kennt man erst alle Figuren und hat sich in der Welt eingefunden, dann offenbart sich ein menschliches Panorama, das scheinbar alle Seiten des Lebens beleuchtet; dem Theaterpublikum der Zeit, das unterhalten werden wollte, naturgemäß nicht ohne Intrigen, Liebschaften, Mord, Machtspiele, Reichtum, Armut und Krankheit. Nach diesem Stück kam ich unweigerlich zu dem Schluss, dass Romeo und Julia tatsächlich das größte Liebespaar der Weltliteratur sein müssen, von allen vorherigen und folgenden Liebesgeschichten unerreicht.

Ein Sommernachtstraum (1596) ließ mich dann schon etwas ernüchterter zurück; zu verwirrend fand ich das gesamte Gefüge im Wald; es war irgendwann der Punkt erreicht, an dem es völlig undurchsichtig wurde, wer jetzt ursprünglich wen liebte, im verzauberten Zustand dann wen begehrte und schließlich bekehrtermaßen wieder wie fühlte. Mit ein wenig mehr Aufmerksamkeit wäre dies vermutlich sogar noch nachvollziehbar gewesen – jedoch war es mir auch völlig egal, da ich die Figuren und ihre Motive blass und langweilig fand. Was ich dem Stück aber zugute halten muss, ist die urkomische erste Szene des vierten Aufzuges, als Titania derart verzaubert wurde, dass sie den verkommenen Schauspieler Zettel liebte; dieser nutzte dies freilich nach Strich und Faden aus.  Diese Stelle ist so lustig geschrieben dass ich wirklich laut loslachen musste, und das schaffen nicht gerade viele Bücher.

Als drittes las ich dann Der Sturm (1611). Es ist ein spätes Werk des Dichters, die Handlung spielt auf einer verzauberten Insel. Dieses Stück gefiel mir dann wieder sehr gut, auch wenn ich die Beziehungen der Figuren untereinander wieder etwas undurchsichtig fand. Hier habe ich es erlebt, dass die poetische Sprache der Vermittlung von Informationen zum Fortschreiten der Handlung ein wenig im Weg steht. Außerdem stieß ich hier auch auf das Problem, dass ich mit vielen Theaterstücken bisweilen habe (und was wohl wirklich mir als Schwäche des Lesers ausgelegt werden kann): zu Beginn eines Stückes sieht man die komplette Besetzung, und am besten wäre es, man kenne die Personen bereits gleich am Anfang alle in- und auswendig. Da dem freilich nicht so ist (und schon gar nicht bei dem dritten Shakespeare-Stück in Folge – auch mein Fehler), musste ich ständig zurückblättern und nachsehen, welcher Art die Beziehungen der Figuren zueinander noch gleich waren. Insgesamt hat mir dieses Stück jedoch enorm gut gefallen. Insbesondere das Dilemma Prosperos mit dem gegen ihn agierenden Caliban, das ganze verzauberte Bild, das in der Geschichte gezeichnet wird – das war wirklich ganz großartig.

An vorerst letzter Stelle meines Ausfluges in den englischen Klassiker steht King Lear (1605). Wow! Ich kann nur staunen und den unfassbaren Autoren dieses Glanzstückes bewundern. Dieses Stück gefiel mir, sogar mit einigem Abstand noch vor Romeo und Julia, am besten. Die Darstellung der hinterhältigen Töchter, wie sie gegen ihren arroganten und überheblichen Vater intrigieren, bis dieser nur noch ein erbärmliches Häufchen Elend ist; die Intrigen des Bastards Edmund gegen seinen Halbbruder Edgar und seinen Vater Graf von Gloster, sodass dieser am Ende erblindet und unwissentlich von seinem einst gehassten Sohn geführt wird; in jeder Szene steckt eine gewaltige Macht und Beobachtung von Schmerz und Kampf. Dieses Stück konnte ich im Kopf außerdem schön mit der losen Filmadaption von Akira Kurosawa („Ran“) vergleichen, die ich vor nicht zu langer Zeit gesehen habe. Es ist wie das Vorhalten eines entblößenden, todbringenden Spiegels, von blutigen Händen gehalten und zu mordenden Scherben zerspringend. Das geballte Leid und wie es sich auf so vielen Ebenen, zwischen so vielen Personen anders gestaltet und entfaltet – das ist wirklich genial und mit packender Spannung gedichtet, bisweilen sogar prosaisch erzählt.

Ich vermag es nicht, die Schönheit von Shakespeares (bzw. Schlegels/Baudissins) Sprache beschreibend zu vermitteln. Zu viele zitatwürdige Aussagen finden sich in diesen Zeilen, und das betrifft alle diese Stücke. Auch auf die genauen Inhalte der Stücke gehe ich nicht weiter ein, da sie in ihren Grundzügen wohl bekannt sein dürften und bereits an anderer Stelle mehr als genügend besprochen werden. Ein Eindruck bleibt mir jedenfalls fest eingebrannt nach diesen vier Stücken, auch in Verbindung mit der Erinnerung an meine vorherige Shakespeare-Lektüre: dieser Mann (sofern wir denn die Urheberschaftsdebatte außen vor lassen wollen) war ein wahrlich genialer Kopf; ich kann nicht behaupten, alle Bilder, Vergleiche, Motivationen und Geschichten im vollen Ausmaße verstanden zu haben, aber ich glaube, dass das auch gar nicht wichtig ist. Shakespeares Sprache ist wie ein Sog, sobald man sich ihr eingefunden hat, und wie ein rauschender Fluss zieht er den Leser immer tiefer hinein in die Abgründe des menschlichen Wesens. Auf eine Bewertung der einzelnen Stücke verzichte ich demnach, und bewerte mit der zwingend vorhersehbar wirkenden Note das gesammelte Werk, das ich bisher gelesen habe. Weitere Stationen für einen späteren Aufenthalt sind u. A. mit Othello, Julius Caesar, Der Kaufmann von Venedig, Heinrich V. und König RichardIII. gegeben.


Anaconda Verlag, 928 Seiten
Gebundene Ausgabe von 2013
Aus dem Englischen von Wolf Graf Baudissin, August Wilhelm von Schlegel, Dorothea Tieck und Gustav Wolff
ISBN: 9783730600290




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