Seiten

Sonntag, 30. Juli 2017

Thomas Bernhard – Der Untergeher (1983)




Auch dies Buch ist eine erste Begegnung mit einem für mich neuen Autor – diesmal Thomas Bernhard. Auf den Österreicher bin ich erst vor Kurzem gestoßen, doch eines habe ich sofort über ihn mitbekommen: er muss polarisiert haben, wie kaum ein anderer Schriftsteller seiner Zeit. Naturgemäß (hoppla, eines der Worte, die der gute Bernhard beinahe inflationär benutzt) war ich daran interessiert herauszufinden, was es mit ihm auf sich hat. Der Untergeher ist ein relativ schmaler Roman – ich habe gelesen, es gehe wohl irgendwie ums Klavierspielen (wovon ich nicht abgeneigt bin) – und so habe ich mir dieses Buch zum Einstieg zugelegt. Meine Gefühle dazu sind gemischter Art.
Es geht in dem Buch um den Klavierspieler Glenn Gould, der ja tatsächlich gelebt hat und zu Weltruhm als größtenteils unumstritten bester Bach-Interpret gelangte, und welchen Einfluss dieser Glenn Gould auf die beiden aufstrebenden Klaviervirtuosen Wertheimer und den namenlosen Ich-Erzähler ausübte, mit denen Glenn gemeinsam studierte. Nachdem der Erzähler und Wertheimer Glenn die Goldberg-Variationen spielen hörten, gaben sie sofort ihre Ambitionen auf und ließen ab vom Klavierspiel. Beiden wurde ganz deutlich, dass sie niemals einen so reinen Grad an Perfektion am Klavier erreichen würden, wie Glenn, auch wenn Wertheimer durchaus das Zeug dazu gehabt hätte, zumindest der beste nach Glenn zu werden. Der Erzähler verschenkte seinen Steinway, Wertheimer verkaufte seinen Bösendorfer. Der Erzähler versuchte sich in schriftstellerischer Tätigkeit, namentlich in der Niederschrift einer Faszination über Glenn Gould, während Wertheimer in die Geisteswissenschaften floh, Philosophie studierte und Aphoristiker wurde, also die großen Erkenntnisse aus der Philosophie auf knappste, aussagekräftige Sätzchen zu reduzieren versuchte. Wertheimer war ein zurückgezogener Mensch, lebte viele Jahre nur bei geschlossenen Vorhängen in seiner Wohnung, terrorisierte dabei regelrecht seine Schwester, die ihm immer Folge zu leisten hatte, bis diese ausbrach und einen Geschäftsmann in der Schweiz heiratete. Als Glenn am Klavier vom Schlag getroffen starb, nahm sich Wertheimer kurz darauf ebenfalls das Leben, indem er sich in der Nähe des Hauses seiner Schwester am Baum aufhängte. Die Erzählung ist beinahe vollständig im inneren Monolog geschrieben, spielt also komplett in den Gedanken des Ich-Erzählers, als dieser sich in einem Gasthaus aufhält. Dort muss er über die ganze Entwicklung Wertheimers nachdenken, wie er zu seinem Selbstmord gelangen konnte und erreichte das Fazit, das dem Buch vorangestellt ist: „Lange vorausberechneter Selbstmord, dachte ich, kein spontaner Akt von Verzweiflung“. Die Erzählweise fand ich doch recht ungewohnt. Irgendwann hat man das Gefühl, jeder einzelne Satz ende nach dem Erzählten mit den Worten: „… sagte er, dachte ich.“ Es ist eine recht wenig eingängige Sprache, zumindest anfangs. Irgendwann bei den letzten 50 Seiten in etwa machte es seltsamerweise Klick und ein merkwürdiger Rausch entstand für mich beim Lesen, ich konnte kaum mehr aufhören und flog nur so über die Gedanken. Wohl ist dies auch dem Umstand zu verschulden, dass es sage und schreibe vier Absätze in dem ganzen Roman gibt. Die ersten drei Sätze des Romans haben jeweils einen eigenen Absatz; der letzte, vierte, zieht sich wirklich bis zum Ende des Buches durch. Es ist alles ein dichter Textblock, auf jeder Seite, es ist kein „Ende“ eines Kapitels in Sicht, man liest einfach immer weiter. Die Wiederholungen sind auch ein seltsames Stilmittel Bernhards. Er wiederholt so viel, ständig und zu jeder Gelegenheit, aber irgendwie bringt er es fertig, es nicht wie reine, stupide Wiederholungen klingen zu lassen, er mischt stets kleine neue Aspekte dem Wiederholten bei, schreibt neue Informationen dazu, sodass es sich besonders anfangs befremdlich liest, man sich aber recht bald in diese Erzählart einfindet und sich dann von den Gedanken des Erzählers treiben lässt. Nach dem Buch bleibt mir jedenfalls kein Zweifel an der schriftstellerischen Kraft Bernhards, allein, es ist mit Sicherheit nicht für jeden Leser geeignet.

Lizenzausgabe vom Suhrkamp Verlag für die Süddeutsche Zeitung Bibliothek, 157 Seiten
Gebundene Ausgabe von 2004
ISBN: 3937793046

Wertung: 7 / 10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen