Seiten

Freitag, 21. Juli 2017

Raymond Chandler – Der lange Abschied (1953)




Chandler gilt, zusammen mit Dashiell Hammett, als der Meister des Kriminalromans schlechthin; sieht man die berühmten alten Hollywood Filme der 40er Jahre, wird man unweigerlich ständig über den Namen dieses Autoren stolpern. Er hat eine Reihe von Romanen rund um die Figur des Philip Marlowe geschrieben, der in den legendären Film-noir Streifen von Humphrey Bogart verkörpert wurde. „Der lange Abschied“ ist der vorletzte dieser Romane, und der erste, den ich von ihm las.

Es wird durchgehend aus der Ich-Perspektive von Marlowe erzählt. Philip Marlowe ist von Beruf wegen ein abgebrühter Privatermittler (deswegen auch die Genrebezeichnung „hard-boiled novel“). In diesem Buch geht es um einen Mord im Rahmen einer zufälligen Bekanntschaft Marlowes‘, Terry Lennox. Er freundet sich ein bisschen mit ihm an, und wie es in Kriminalromanen so kommt, wird seine Frau ermordet. Lennox wird unter Verdacht gestellt. Marlowe verhilft ihm zur Flucht nach Mexiko, wo Lennox bald darauf ein zweifelhaftes Geständnis abgibt und vermeintlichen Selbstmord begeht. Marlowe bekommt einen neuen Auftrag von einer Dame namens Eileen Wade (beschrieben als "ein Traum"), die einen Aufpasser für ihren alkoholabhängigen Mann und berühmten Schriftsteller, Roger Wade, sucht. Dieser schrammt regelmäßig an der bekannten Grenze zwischen Genie und Wahnsinn entlang, versucht sich an einer Stelle selbst zu erschießen, schreibt betrunken aufrichtiges Zeug von der Seele. Natürlich gibt es zwischen den Geschichten Verbindungen (der Fall Lennox, die Wades und Marlowe als Zeuge an vielen Stellen), und gegen Ende geschehen ein paar spannende und unerwartete Wendungen. Es gibt grobe Riesen mit Muskelpaketen, haufenweise Machosprüche (teils tatsächlich sehr schlagfertig und lustig), Schläge und Drohungen, Pistolen, Messer und Mord, Zigarettenrauch, Whiskey in unschätzbaren Mengen, natürlich ausschließlich sagenhaft schöne, mysteriöse Frauen – und ich habe es geliebt.
Es gab eigentlich nur einen Punkt, der mich an dem Buch ein wenig gestört hat, und das war der Ablauf der Geschichte. Mir als Leser war des öfteren nicht klar, was jetzt als nächstes groß passieren soll. Der Fall Lennox ist abgeschlossen, da gibt es keine weiteren Fragen oder Verantwortungen für Marlowe – und weiter? Er kommt zu den Wades, befragt die drei Ärzte, deren Namen mit V beginnen – was nun? Sein Auftrag bei den Wades ist abgeschlossen – und jetzt? Erst recht spät in dem Roman werden einige Verbindungen deutlich, zunächst können diese „externen“ Episoden als eigenständig und in sich geschlossen erscheinen. Bisweilen kann am Ende einer solchen Episode ein kleines Loch entstehen, das den Leser nicht unmittelbar an der Stange hält. Das Alles ist klar – Meckern auf hohem Niveau. Meistens kriegt Chandler mit dem nächsten Kapitel sofort gut die Kurve, eine neue Begegnung, ein neuer Anruf, eine neue Entdeckung, ein neuer Besucher in seinem Büro, ein neuer Auftrag, ein neues Puzzlestück des Rätsels fällt ihm zu und es geht weiter. In diesem Roman ging das gut, aber so können dennoch womöglich langweilige Passagen entstehen. Außerdem kann ich mir vorstellen, dass das vorhin erwähnte Machogerede und das ganze Setting nach dem dritten Roman vielleicht langweilig, eintönig, repetitiv oder stumpf werden könnte. Bei Chandler kann ich mir aber auch verdammt gut vorstellen, dass dieser Fall für die Marlowe-Geschichten nie eintritt.
Diese Art von Kriminalroman braucht sicherlich den richtigen Leser. Nicht jeder findet dieses alte Film-noir-Hollywood mit einem knallharten Privatermittler spannend und interessant. Ich kann verstehen, wenn das alles zu stereotypisch aufgefasst wird – aber Chandler ist nun mal einer der Gründe, dass es diese Stereotypen heute überhaupt gibt. Für mich gibt es keine Zweifel an der stilistischen Erhabenheit Chandlers, er schreibt seine Dialoge so rasant, so voll Unausgesprochenem und an anderer Stelle mit gnadenloser Direktheit (Marlowe nimmt weiß Gott kein Blatt vor den Mund – vor niemandem). Er kann Szenen mit einer feinen Hand herleiten und aufstellen, wie ein Bühnenbildner eine Theaterbühne präparieren würde. Hin und wieder fallen unfassbar prägnante Sätze, bildgewaltig, hinterfragend, philosophisch auch. Die Übersetzung aus dem Englischen von dem großen Hans Wollschläger (u. a. Joyce' Ulysses) ist außerdem einfach makellos, sofern ich es ohne die Lektüre des Originals zu beurteilen vermag. Bislang habe ich nicht sehr viele Krimis gelesen, aber in der Erzähltradition Chandlers wissen sie mir durchaus zu gefallen. Lustigerweise habe ich zuletzt auf meinem Ostseeurlaub in einem kleinen Ort auf einem Bücherflohmarkt noch zwei weitere Bücher von Chandler ergattern können; gerade als ich „Der lange Abschied“ genug gelesen hatte, um ein positives Bild davon zu bekommen. Somit ist mein Chandler-Nachschub fürs Erste gesichert, und ein Fan ist gewonnen. Fazit: Dringend empfehlenswert!


Diogenes Verlag, 382 Seiten
Aus dem amerikanischen Englisch von Hans Wollschläger
ISBN: 3257202075
Diogenes Taschenbuchausgabe 20207 von 1975


Wertung: 9 / 10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen