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Donnerstag, 27. Juli 2017

Patrick Süskind – Die Taube (1987)




„Die Taube“ erzählt von Jonathan Noel, ein Wachtmeister einer Bank in Paris. Er ist ein durch und durch langweiliger Mensch, dessen Leben in vollständiger Eintönigkeit verläuft. Der erste Satz der Novelle macht dies bereits deutlich:

„Als ihm die Sache mit der Taube widerfuhr, die seine Existenz von einem Tag zum andern aus den Angeln hob, war Jonathan Noel schon über fünfzig Jahre alt, blickte auf eine wohl zwanzigjährige Zeitspanne von vollkommener Ereignislosigkeit zurück und hätte niemals mehr damit gerechnet, dass ihm überhaupt noch irgend etwas anderes Wesentliches würde widerfahren können als dereinst der Tod.“

Ein sehr schöner Beginn für eine Geschichte, wie ich finde. In seiner Arbeit steht er tatsächlich nur auf einer Treppe herum und muss zwei Mal am Tag ein Tor für ein Auto öffnen – und tagein, tagaus, jahrein, jahraus. „Die Sache mit der Taube“ bedeutet, dass eines Tages, als Jonathan morgens aufs Klo gehen möchte und die Tür zum Gang öffnet, eine Taube auf ebendiesem sitzt und ihn anstarrt. Dies wirft ihn so vollständig aus der Bahn, ekelt ihn in unbeschreiblichem Maße an, dass er zu dem Entschluss kommt, er könne nie wieder in dieses Haus, diese Wohnung zurückkehren, in der er nunmehr seit dreißig Jahren wohnte und für die er nur mehr die letzte Rate bis zum Eigentum zahlen bräuchte. Er erlebt sodann einen chaotischen Tag und sieht sich selbst bereits dem Untergang geweiht. Alle seine Gedanken sind dabei von Süskind minutiös beschrieben, teils in sehr schnellem Tempo, in übertriebener Art und Weise, wie Gedanken in verzweifelten Situationen mitunter eben erscheinen. Die Konstruktion der Geschichte fand ich sehr schön zu lesen, auch die sinnbildliche Wiedergeburt gegen Ende, als er mit Selbstmordgedanken einschläft und „geläutert“ als Kind aufzuwachen glaubt. Das Ganze ist dabei ganz ohne übertriebene Glorifizierung des Einsiedlertums, das man ja allzu häufig antrifft, sondern ganz nüchtern geschrieben, ganz ohne Urteil des Erzählers. Diese nüchterne Distanz fand ich beim Lesen recht reizvoll, auch wenn man durch die zahlreichen Schilderungen der Gedanken doch unmittelbar an den Gedanken von Jonathan teilnimmt.
Es ist insgesamt eine schöne kleine Novelle für zwischendurch, bei der mich eigentlich nur gestört hat, dass der Auslöser der Geschichte für mich etwas stark übertrieben wirkte – also das bloße Sichten einer Taube im Haus als Verkörperung von Chaos und Anarchie zu deuten. Ich fand es komisch unglaubwürdig, mir einen so schwachen, haltlosen Menschen vorzustellen, und diese wahnwitzige Empörung über die Kleinigkeiten des Lebens zieht sich durch die ganze Erzählung. Jedoch hat es auch durchaus seinen Reiz, einem so seltsamen Geist durch die Schilderung der Gedanken so genau folgen zu können. Es bleibt nur zu hoffen, dass es von Süskind noch mehr zu lesen geben wird, denn sein Stil zeugt von unumstößlicher Beherrschung des schriftstellerischen Handwerks (was ja auch schon im berühmten „Parfum“ zu allgemeiner Anerkennung führte). Es wäre wirklich bedauerlich, wenn dieser deutlich talentierte Autor bei dem doch bislang quantitativ recht kleinen Werk bleiben würde, das er bis jetzt geschaffen hat.

Diogenes Verlag, 100 Seiten
Gebundene Ausgabe von 1987
ISBN: 3257017367

Wertung: 8 / 10

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