Seiten

Sonntag, 23. Juli 2017

Heinrich Böll – Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1974)



Heinrich Böll – der deutsche Nachkriegsautor schlechthin, der als erster Deutscher nach dem zweiten Weltkrieg erneut mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde und damit die Souveränität der deutschen Literatur mehr oder weniger offiziell wiederhergestellt hat – eine grobe Lücke, von ihm noch nichts gelesen zu haben. Aus diesem Grund habe ich mir das sehr überschaubare Büchlein über die Katharina Blum zugelegt und dieses als passenden Einstieg in sein Werk betrachtet.
Tatsächlich war ich lustigerweise über den Inhalt des Buches vollkommen falsch informiert. Da ich mir Bücher in der Regel nach den Autoren kaufe, die mich interessieren, weiß ich meist nicht das geringste über deren Inhalt (wiewohl natürlich das Wissen um einige Lebensstationen des Autoren in den allermeisten Büchern in welcher Form auch immer wiederzufinden sein wird), und mir ist es im Allgemeinen eine Freude, völlig unbedarft in eine Erzählung hineinzustolpern, mich überraschen zu lassen von der führenden Hand des Erzählers. Bisher dachte ich immer, dass es sich bei diesem Buch um einen Roman des Zweiten Weltkrieges handelt, wie ich dieses Bild in den Kopf bekam, weiß ich nicht mehr, aber manchmal hat man eben gewisse unerklärliche Anschauungen. Freilich war ich schon nach dem Vorwort meines großen Irrtums bewusst – namentlich, es geht um die Boulevardpresse, ein Blatt namens die ZEITUNG, eine unverkennbare Parodie der Bild-Zeitung. Die anfangs völlig integre und unbedarfte Katharina Blum ist eine Wirtschafterin, besitzt einen Volkswagen und ist wohl in der normalen deutschen Mittelschicht der 70er Jahre angesiedelt. Als sie eines Tages auf einen Ball geht und unwissentlich einen Verbrecher, Ludwig Götten, mit nach Hause nimmt, wird ihre Wohnung des nächsten Morgens von der Polizei gestürmt. Götten ist spurlos verschwunden, obwohl die Polizei diesen genaustens überwacht hatte, und so sehen sie keine andere Möglichkeit, als die Mittäterschaft oder zumindest irgendwie geartete Komplizenschaft der Katharina Blum. Sofort greift die ZEITUNG diesen Fall auf, gräbt in Katharinas Vergangenheit, befragt alte Bekannte über sie, ihre Bekannte und ihre Eltern. Jedes Wort wird von der ZEITUNG offensichtlich verfälscht und so hingedreht, dass Katharina als „Mörderbraut“ dasteht. Regelmäßig muss sie zu Vernehmungen gehen und Aussagen machen, täglich erscheinen Schlagzeilen über sie und neueste Entwicklungen an dem Fall. Da die ZEITUNG durch ihre Auflagenstärke die öffentliche Wahrheit so mächtig beeinflussen kann, dass jeder den Berichten glaubt, erschießt Katharina als letzten verzweifelten Akt der Selbstverteidigung einen ZEITUNGS-Reporter; namentlich den, der sie in erster Linie so diffamiert hat. Auch das Ehepaar Blorner, das Katharina sehr nahe steht, ist im Fokus der ZEITUNG, bis Herr Blorner ebenfalls am Ende, als die Enthüllungen sich nun in entsetzlicher Weise an Vergangenheitsgeschichten auslassen, seine anwaltliche Seriosität verwirft und Molotow-Cocktails bauen möchte (daher auch der passende Untertitel des Buches „wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“).
Geschrieben ist alles in sehr knappen Kapiteln aus einer Berichtsperspektive, die nichtsdestotrotz eine gewisse Nähe, ja Sympathie, für Katharina und die restlichen Verleumdeten spüren lässt. Immer wieder sind amüsante kleine Sätzchen eingestreut, die die Kredibilität der ZEITUNG im Grunde nicht anerkennen bzw. für gar nicht existent halten. Es ist dies offenbar ein sehr persönliches Buch von Böll, ich lese insgesamt viel Wut über die Berichterstattung der ZEITUNG heraus, wenn dies auch in humoristischer Weise verpackt zu sein scheint. Er sagt in der Essenz, dass diese Art der Berichterstattung pure Heuchelei ist; ohne jegliche faktische Untermauerung werden ansatzweise Verdächtige zu zweifellos Schuldigen erklärt. Dass auf diese Weise Leben zerstört werden können, nimmt die ZEITUNG wissend aber schweigend, sogar billigend in Kauf. Denn diese wiederum zerstörten Leben geben ja die nächste gute Story ab. Mir gefiel das Buch insgesamt recht gut, wenn es mich auch nicht zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat. Meine persönliche Einstellung gegenüber der ZEITUNG fand ich auf befriedigende Art und Weise beim Lesen bestätigt, auch wenn ich in erzählerischer Hinsicht durch die berichtähnliche Schreibweise und Rückblenden bis zur Hälfte des Buches leicht verwirrt war.
Ich denke als Einstig in Bölls Werk war diese Geschichte ganz gut geeignet; „Billiard um halb zehn“ steht auf dem Stapel bereits auf standby.

deutscher Taschenbuch Verlag, 122 Seiten
ISBN: 3423011505
dtv Taschenbuch Ausgabe von 1980

Wertung: 7 / 10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen