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Montag, 5. Juni 2017

Zsolt von Harsanyi – Ungarische Rhapsodie (1936)






Auf diesen Roman wurde ich nur durch Zufall aufmerksam, als ich nach einer literarischen Bearbeitung von Liszts Leben suchte. Diesen bewunderte ich bislang auf der einen Seite seiner schier unglaublichen Schaffenskraft wegen, aber natürlich auch für die ihm nachgesagte Virtuosität auf dem Klavier.
Es war in der Tat sehr aufschlussreich, dieses ganze Leben so detailliert verfolgen zu können – von den Anfängen als gefeiertes Wunderkind über die wilden Jahre in Paris bis hin zur Wagner-Schwärmerei; alles gespickt mit schillernden Auftritten vor Kaisern, Königen und sogar dem Papst, mit tobenden, nie dagewesenen Applausbekundungen, mit unzähligen Frauengeschichten, mit endlosen Reisen quer durch ganz Europa, mit Begegnungen, die zu engen Freundschaften wurden, mit harten Schicksalsschlägen bei plötzlichen Toden ebendieser Freunde, mit dem ständigen inneren Wunsch nach der Geistlichkeit, mit historischen Ereignissen, wie bspw. der Julirevolution, mit dem unstillbaren Ehrgeiz des Künstlers, der ewig Beste sein zu wollen, mit der zwecklosen Suche nach dem Unbekannten, das die tiefe, eigentliche Sehnsucht doch endlich stillen sollte, auch mit der Suche nach einer Heimat, als ihn Ungarn mal himmelhoch jauchzend vergöttert, ein anderes Mal als Volksverräter schimpft, mit dem Komponieren als ständige sichere Zuflucht… Dies sind die Motive, die Franz Liszt in seinem Leben begleitet zu haben schienen, und nach der vollständigen Lektüre habe ich sehr viel über ihn, seine Zeit, seine Umgebung und über die Personen, mit denen er zu tun hatte, gelernt. Ich hatte keine Ahnung, dass Liszt offenbar tatsächlich so eine Bedeutung schon zu seiner Zeit einnahm, dass die gesamte musikalische Welt nur ihn vergötterte und nur ihm nacheiferte, kurz, dass er der alleinige Herrscher der Musik gewesen ist! Die eingängige, sichere, aber nicht stupide Sprache zeichnet die Entwicklung des Charakters sehr nachvollziehbar; oftmals habe ich mich dabei ertappt, wie ich ein Kapitel nach dem anderen las. Ja, dieses Buch hat mir gut gefallen! Wenn ich auch schon vorher als Anhänger Liszts gezeichnet war und meine Bewertung damit womöglich etwas voreingenommen ist, so hat mich dieses Buch in meiner Bewunderung nur bestärkt. Mit etwa 800 Seiten und vier großen Teilen hat sich der Autor auch genug Raum genommen, um auf jede wichtige Station und Entwicklung ausführlich eingehen zu können. Inwieweit alles Geschriebene jedoch auch historisch korrekt ist, obliegt nicht mir zu beurteilen. Natürlich werden auch viele Formulierungen, Dialoge und Handlungen zum dramatischen, erzählerischen Nutzen eingepflegt worden sein – solange jedoch der große Zusammenhang stimmt, soll mir das recht sein. Lediglich so manche Länge und die ständige Präsenz des Wagnerkultes im letzten Drittel des Buches haben mich doch hin und wieder gestört. Meine Erwartungen an dieses Buch wurden also vollständig erfüllt; wer sich für die Musik Liszts begeistern kann und gerne mehr über ihn und sein Leben erfahren möchte, dem sei dieses Werk herzlichst empfohlen.


Bertelsmann Lesering (mit Genehmigung des Esche Verlags), 767 Seiten
Aus dem Ungarischen von J. P. Toth und A. Luther

Wertung: 8/10

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