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Dienstag, 27. Juni 2017

Thomas Mann – Buddenbrooks: Verfall einer Familie (1901)






Zum ersten Mal fahre ich in wenigen Wochen rauf nach Norddeutschland, an die Ostsee. Unter anderem werde ich auch einen Halt in Lübeck einlegen – eine wunderbare, sympathische und authentische Stadt, sagte man mir. Gerade wegen den Verbindungen von Günter Grass und Thomas Mann zu Lübeck freue ich mich sehr darauf. Letztes Jahr erst las ich „Die Blechtrommel“ und ich bin gespannt, ob ich die ein oder andere Anspielung auf den kleinen Trommler sehen werde; die Buddenbrooks jedoch hatte ich noch nie gelesen, und ich erkannte diesen Zeitpunkt als den bestmöglichen, um diese Lücke zu füllen.

Kurz vorweg: ich bin ein großer Bewunderer der Fabulierkunst Thomas Manns. „Der Tod in Venedig“ und „Der Zauberberg“ gefielen mir äußerst gut, letzteres sogar wahnsinnig gut, auch wenn es bisweilen sehr anstrengend war. Buddenbrooks ist der erste Roman des späteren Nobelpreisträgers – geschrieben im Alter von 23 bis 26.
In dem Roman geht es – kurz gesagt – um die Kaufmannsfamilie Buddenbrook, deren Geschichte (und schlussendlicher Niedergang) bereits durch den Beinamen des Romans vorweggenommen wird: Verfall einer Familie. In elf Teilen werden insgesamt vier Generationen der Familie durchwandert, wobei der mit Abstand größte Teil der Geschichte in der dritten Generation gezeichnet wird. In diesem Abschnitt rund um den zunächst erfolgreich aufsteigenden Enkel des Firmengründers, Thomas Buddenbrook, findet auch die Entwicklung hin zum angedeuteten Verfall statt. Thomas und seine Schwester Antonie (Tony genannt), sein Bruder Christian, deren Mutter Elisabeth, Thomas‘ Frau Gerda und sein Sohn Hanno spielen die Hauptrollen, begleitet von unzähligen anderen Figuren, die mal mehr, mal weniger Einfluss auf die Geschichte haben. Ich habe die Hauptthemen des Buches verstanden als der Kampf um das Ehrgefühl in einer missgönnenden Gesellschaft, der Kampf, es den Vätern recht zu machen und deren Erbe würdig fortzusetzen, die anerzogene Angst vor Verlust und Armut, der feste Glaube, dass harte Arbeit sich auszahlt, und, so banal und kitschig es klingt: die Suche nach Glück und Liebe.
Und ja, es ist tatsächlich bemerkenswert, mit welch einer Beobachtungsgabe bereits der junge Thomas Mann gesegnet war. Bei keinem anderen Autor las ich bislang solch genaue Beschreibungen der Menschen und besonders der ihnen ganz eigen angewöhnten Gebärden, Körperhaltungen, Verhaltensmustern und Gewohnheiten. Wie ich sie schon im späteren großartigen Zauberberg in gemeisterter Form zuerst las (ich denke noch immer hin und wieder an die streng installierte Handhaltung des Mynheer Peeperkorn), begegnete ich ihnen hier in unzähligen beschreibenden Gelegenheiten wieder, etwa bei der alten buckeligen Sesemi Beichbrodt, die ständig knallende Küsse verteilt. Diese Wiederholungen fallen überhaupt in dem Buch auf – die Arbeit mit Leitmotiven gehörte offenbar schon ganz am Anfang zu Thomas Manns Lieblingsmitteln.
Zwei Szenen sind mir nachhaltig im Kopf hängen geblieben, deren Beschreibung wirklich große Wirkung auf mich beim Lesen gemacht haben. Die eine ist der leidenschaftliche, beinahe tabubrechende Streit zwischen den Brüdern Thomas und Christian, der im letzten Drittel des Buches passiert. In dieser Szene konnte man das Brodeln der Gemüter fast vor Augen sehen, die Erfüllung der Sehnsucht, dem Anderen endlich alles Aufgestaute und stets Verbissene schonungslos und böse ins Gesicht zu schleudern. Genau so ist ein emotionaler Ausbruch zu beschreiben!
In der zweiten Szene saß der schon von Verantwortungen und Verpflichtungen langsam ermattende Thomas auf einer Bank und las irgendeinen philosophischen Text. Sein Geist wurde von diesem geradezu fortgeschwemmt, er vergaß die Stunden und erging sich fast tranceartig in den Worten, die er da verschlang. Nach der erschöpfenden Lektüre wurde er mitten in der Nacht von den unbewusst in ihm weiterarbeitenden Gedanken geweckt und er fabulierte sich eine Vision zusammen, er meinte eine helle, lichtdurchflutete Öffnung in seinem stockdunklen Zimmer zu sehen, welche er später als die lockende Wahrheit empfand. Allein, er entschied sich dazu, das Lesen in dem Buch nicht zu vertiefen und es für immer im Regal zu verstauen, womit er sich und seinen persönlichen Niedergang schlussendlich besiegelte, sich selbst ohne weiteren Glauben aufgab. Diese wahnhaft beschriebene Szene hat mich wirklich umgehauen, sie war von solch intensiver Immersion, dass ich beinahe selbst als erschöpfter Thomas die Wahrheit zu blicken glaubte. Das wirklich unglaubliche fand ich daran, dass diese Kenntnis und Schreibfähigkeit schon in so jungem Alter in Thomas Mann war; denn auch bspw. ein Dostojewski hat in höherem Alter solch hervorragend wahnwitzige Szenen geschrieben.
Nun, was hat mir an dem Buch also nicht gefallen? Ich fand viele Stellen leider doch sehr redundant und träge. Gegen beinahe alle Personen hatte ich in irgendeiner Phase der Geschichte persönlich etwas, sie konnten mich als Leser so nicht für sich gewinnen. Ständig waren alle nur und ausschließlich auf das Geld, die Firma, die gesellschaftliche Anerkennung fixiert, als gäbe es nichts anderes. Nur Christian, der mit dieser Auffassung grundsätzlich ziemlich salopp umging und später dann Gerda und Hanno hatten mit der Musik andere Antriebe. Tonys gescheiterte Ehen und ihre Wehleidigkeit nach der mit Herrn Permaneder langweilten mich in unsäglichem Ausmaße. Thomas freilich war ein fleißiger Mann; jedoch nur und ausschließlich im Sinne des Unternehmens, als Vater hat er allein auf Strenge gesetzt und dadurch versagt. Seine charakterliche Entwicklung fand ich im Rückblick, nicht zuletzt durch die vorher beschriebene Szene als Höhepunkt (bzw. treffender: Tiefpunkt), wohl am interessantesten. So kommt es, dass ich mich durch das Buch keineswegs quälen musste, aber auf weite Strecken keine Anteilnahme für die Schicksale der Personen empfand, oder doch nur stellenweise. Buddenbrooks: Verfall einer Familie ist keineswegs ein schlechtes Buch, jedoch hat mir insgesamt ein wenig die Leidenschaft gefehlt, auch wenn so mancher mit dieser Aussage nicht einverstanden sein wird.

Bertelsmann Lesering (mit Genehmigung des S. Fischer Verlags), 702 Seiten, Ausgabe von 1957

Wertung: 7 / 10

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