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Sonntag, 11. Juni 2017

Novalis – Heinrich von Ofterdingen (1802)




Jüngst befiel mich die Lust auf romantische Literatur. Bislang las ich hier nicht viel – lediglich Hoffmanns „Fräulein von Scuderi“, Goethes Werther (zumindest habe ich ihn als der Romantik zugehörig empfunden), Eichendorffs Taugenichts und Tiecks blonder Eckbert, soweit ich mich erinnere. Da mir die Romantik besonders in der klassischen Musik die liebste Epoche ist und mir auch die der Romantik nicht so weit entfernten Bilder des Impressionismus sehr gefallen, dachte ich, hier gebe es noch Nachholbedarf. Ich habe mir also den alten Klassiker von Novalis ausgesucht, der ja mit seinem Symbol der blauen Blume das Sinnbild der Romantik schlechthin begründete. Ich nehme mein Fazit vorweg: ich fand das Buch grauenhaft.

Der junge Heinrich von Ofterdingen (eine unbelegte historische Figur im Zusammenhang mit dem Sängerkrieg auf der Wartburg) ist betrübt und macht sich zu einem Besuch seines Großvaters nach Augsburg auf. Verschiedene Menschen trifft er auf dem Weg, die ihm, jeder für sich, den Zugang zur Poesie zu eröffnen suchen, indem sie ihm Gesänge, Gedichte und Märchen vortragen. Es wird ein Märchen über eine Liebesgeschichte im später versunkenen Atlantis erzählt, ein Bergmann erzählt über die Vorzüge seiner Arbeit und sucht mit ihm eine Höhle auf, wo sie einen Graf treffen, der in völliger Einsamkeit lebt. In Augsburg trifft er den Dichter Klingsohr (vgl. Hesses Erzählung „Klingsors letzter Sommer“), der sich des jungen Heinrich annimmt und ihm die Dichtkunst beibringen möchte. Klingsohr erzählt wiederum ein offenbar ziemlich berühmt gewordenes Märchen, und im zweiten Teil des Buches ist nur noch der Anfang aufgezeichnet. Der Roman ist ein Fragment geblieben, der von Novalis beabsichtigte Ausgang der Geschichte ist mitunter durch ein Nachwort vom befreundeten Ludwig Tieck überliefert.
Natürlich ist es immer schwer, eine Differenzierung zu treffen, gerade in der Romantik. Was ist noch eine hervorragend einfühlsame Beschreibung von Emotionen und wo fängt der Kitsch an? Es ist ja ähnlich wie bei Filmen. Der Meister der einfühlsamen Emotionen ist für mich Hermann Hesse (der in seiner Jugend durchaus von Novalis, Tieck und anderen beeindruckt war), und hier sehe ich von vorne bis hinten nichts als Kitsch. Es passiert in dem Buch einfach nichts! Ein Märchen folgt dem anderen, ein Gesang dem nächsten. Da ist eine schöne Wiese, da sind die Berge so hübsch gezackt und das Wasser plätschert so fröhlich. Ein Beispiel aus dem Gedicht, das dem zweiten Teil vorangestellt wird:

„An einem Sommermorgen ward ich jung;
Da fühlt' ich meines eignen Lebens Puls
Zum erstenmal – und wie die Liebe sich
In tiefere Entzückungen verlor,
Erwacht' ich immer mehr, und das Verlangen
Nach innigerer, gänzlicher Vermischung
Ward dringender mit jedem Augenblick.
Wollust ist meines Daseins Zeugungskraft,
Ich bin der Mittelpunkt, der heilge Quell,
Aus welchem jede Sehnsucht stürmisch fließt,
Wohin sich jede Sehnsucht, mannigfach
Gebrochen, wieder still zusammen zieht.“

Und so weiter. Es geht in einem fort, romantisches Geschwurbel sondergleichen und ich möchte am liebsten kotzen. Mag sein, dass die Metaphern und Symbole raffiniert sind, mag auch sein, dass der Aufbau des Romans dem von Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ ähnelt, mag sein, dass hier philosophische Gedanken verborgen sind, die es erst aufmerksam herauszugraben gilt – doch ich konnte nichts damit anfangen. Vielleicht bin ich einfach nicht der beabsichtigte, optimale Leser für das Buch. Seltsam fand ich jedoch, dass mir Hoffmanns Scuderi so viel besser gefiel, und auch Eichendorffs Taugenichts fand ich vor ein paar Jahren sehr ansprechend. Allerdings hatte ich auch bei Goethes Werther schon ein ähnliches Gefühl – überemotionales Zeug, dem die Spannung, das Drama, kurz: der Konflikt fehlt. Im Heinrich von Ofterdingen gibt es einfach keinen Konflikt, der den Leser an der Stange halten könnte. Und so war es auch wirklich eine Qual, bis zum Ende durchzukommen – allein, ich bin kein Typ dafür, Bücher abzubrechen. Im Nachwort von Tieck, wo das beabsichtigte Ende des Romans skizziert wird, hatte ich schon wieder einen Anflug von Interesse – die Idee und die Konstruktion machte Sinn und der Gedanke, dass die wahre Welt in ein Märchen und andersherum übergehen würde, fand ich ansprechend. Wäre der Roman vollständig beendet, hätte er mir womöglich besser gefallen; so kann ich jedoch nur das bewerten, was da ist. Es muss dies, wie auch der Werther, ein klassisches Beispiel dafür sein, wie die Zeit das Vermögen, sich in bewegende Zustände hineinzuversetzen, verändert. Im Jahre 1800 mag dieser Stoff durchaus aufrüttelnd und bahnbrechend gewesen sein – heute ist er es nicht mehr, und es ist auch verdammt schwer, ihn entsprechend zu lesen. In dieser Form kann ich den Heinrich von Ofterdingen eigentlich wirklich niemandem empfehlen. Außer vielleicht von Emotionen, Ungerechtigkeit und Weltschmerz durchrüttelten Pubertierenden. Wobei – dann doch eher ganz ernsthaft den „Fänger im Roggen“.

Wertung: 2 / 10

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