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Montag, 5. Juni 2017

Michail Bulgakow – Der Meister und Margarita (1940)

 


 
Die Szene ist Moskau, wo der Satan höchstpersönlich mit seinem Gefolge einzieht und die Bevölkerung aufmischt. Auftretend als der Schwarze Magier Voland veranstaltet er etwa eine Zaubervorführung, in der es Geld regnet, welches sich nach dem Ausgeben allerdings in unnütze alltägliche Gegenstände oder Tiere, bspw. in eine Biene verwandelt. Begleitet wird Voland von seinen Gehilfen Asasello (ein fieser kleiner Kerl mit „feuerrotem Haar“ und einem hauerähnlich herausstehenden Eckzahn), Korowjew (ein langer Mann, immer mit kariertem Hemd und zerbrochenem Zwicker auf der Nase) und Behemoth (ein sehr fetter Kater, der auf seinen Hinterbeinen läuft) und ein paar weiteren, weniger erwähnten Figuren.
Voll mit solch fantastischen Bildern und absurden, surrealistischen Darstellungen ist beinahe jedes Kapitel – ausgenommen die über Pontius Pilatus. Aber was hat denn Pilatus in diesem Buch verloren? Diese Frage stellte sich auch mir, als ich gleich im zweiten Kapitel über 30 Seiten hinweg die ausgesprochen realistisch geschilderte Begegnung von Pontius Pilatus und Jesus (durchgängig als Jeschua Ha-Nazri bezeichnet) las. Allerdings schrieb Bulgakow diese Begegnung auf erfrischende Weise bar jeglicher religiösen Mystifizierung – so wie er sie vielleicht für tatsächlich geschehen ansah (ich konnte unwillkürlich eine gedankliche Verbindung zu dem jüngst gesehenen Film „The Man from Earth“ nicht unterbinden). Spätere Kapitel behandeln auch die Kreuzigung, Levi Matthäus und Judas von Kirjath, was durch geschickte Übergänge in der Erzählung viel besser hineinpasst, als man es dem Thema vielleicht zumuten würde. Tatsächlich ist es so, dass diese Erzählung von Pontius Pilatus der Roman eines Mannes ist, der lediglich „der Meister“ heißt. Seine Geliebte, Margarita, himmelt ihn für dieses Buch an; jedoch ist es für die Verlage unverkäuflich und damit ein Druck unmöglich, was Margarita nicht verstehen will und so den einschlägigen Literaturkritikern nichts als Hass entgegen bringen kann. Den Höhepunkt fand die Geschichte meiner Meinung nach im Kapitel „Der große Ball beim Satan“: eine ungeheuerliche Szene, angelehnt an die Walpurgisnacht des Faust (wie auch generell unzählige Anspielungen auf den Faust und Mephistopheles in dem Roman präsent sind), erzählt mit einer unfassbaren Sprachgewalt! Hier ein Beispiel:

„Auf dem spiegelnden Boden tanzten, eine dichte Masse, unzählige Paare, beeindruckten durch ihre geschickten und sauberen Bewegungen, und diese Masse drehte sich wie eine Wand in einer Richtung und drohte alles mit sich fortzureißen. Über den Tanzenden gaukelten Schwärme von lebenden Atlasschmetterlingen, und vom Plafond regnete es Blumen. Als das elektrische Licht ausging, flammten in den Säulenkapitellen Myriaden von Glühwürmchen auf, und in der Luft geisterten Irrlichter.“ (S. 339)


Nicht ohne Erwähnung bleiben sollte an dieser Stelle wohl auch der Übersetzer Thomas Reschke, der es ausnahmslos schaffte, den wunderbar satirischen Stil ins Deutsche zu übertragen.
Tatsächlich hatte ich die reinste Freude, dieses Buch zu lesen. Jede einzelne Seite habe ich genossen, nie kam auch nur der Anflug von Langeweile auf. Es war dies das erste Buch, welches ich von Bulgakow gelesen habe, und ich muss sagen, ich kann sehr gut nachvollziehen, wieso er als großer Satiriker gefeiert wird. Die gesamte Geschichte ist mit einem solchen Humor, mit Ironie unterlegt, es ist einfach ein Vergnügen die Geschicke des Teufelspackes zu verfolgen. Auffällig oft fielen auch umgangssprachliche Äußerungen, wie etwa „weiß der Teufel“ – insbesondere von seinem Gefolge selbst. Es sind solche lockeren Kleinigkeiten im Erzählen, die das Buch mitunter so besonders machen.
Mein Fazit lautet: unschätzbar wertvoll! Selten habe ich ein Buch gelesen, dass mich so begeistert hat. Die Kombination aus philosophischen Gedanken und dem ständigen Surrealismus, das Infragestellen von gesellschaftlichen Konventionen und Materialismus, die Einsprengsel der Geschichte um Pontius Pilatus, die Liebesgeschichte von Meister und Margarita, die ständigen Streiche des Teufels und seinem Gefolge, die in diesem Zusammenhang perfekt gewählte bildgewaltige Erzählsprache: all dies formt den Roman für mich zu einem Meisterwerk, das mit Sicherheit einen Platz unter meinen Lieblingsbüchern finden wird und nur zu Recht als wahrer Klassiker gilt, denn absolute Zeitlosigkeit ist hier zu finden.

Sammlung Luchterhand, 491 Seiten
Aus dem Russischen von Thomas Reschke
ISBN: 9783630620930

Wertung: 10/10

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