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Montag, 5. Juni 2017

Julian Barnes – Lebensstufen (2015)







Dieses Buch ist das erste, welches ich von Julian Barnes lese; aufmerksam auf den Autor wurde ich erst zuletzt durch die Behandlung seines neuesten Romanes über Schostakowitsch im Literarischen Quartett. Als ich dann an einem Tag in Regensburg zufällig über einen kleinen Bücherflohmarkt stolperte und dieses Buch mit einem Heißluftballon auf dem Cover sah, war mein Interesse geweckt, und ich kaufte es blind, ohne überhaupt zu wissen, worum es im Groben ging.
Wie ich dann also erfuhr, sollte dies das persönlichste Werk des Autors sein, denn wo die ersten zwei Teile des Buches die Geschichte der Luft- und Ballonfahrt mit dem Erfindergeist Nadars und eine kleine Liebesgeschichte des Colonels Fred Burnaby und der eher durchtriebenen Sarah Bernhardt behandelten, wurde im dritten Teil eine Verbindung zu dem Tod der Ehefrau Barnes‘ hergestellt.
Zunächst folgendes: die ersten zwei Teile, die Geschichte der Ballonfahrt fand ich recht interessant, wenn auch ein wenig leidenschaftslos erzählt. Insbesondere der geschichtliche Hintergrund zu den Schwierigkeiten Nadars fand ich durchaus spannend, da dies eine Neuheit für mich war. Zuvor hatte ich keine Ahnung davon, wie eng verbunden dies bspw. mit der parallelen Entwicklung der Fotographie war. Dieser Teil ist also insofern eine lehrreiche Lektüre gewesen, als mir das Buch etwas Neues beigebracht hat – und dies ist auch einer der Gründe, weshalb ich Bücher im Gesamten so liebe. Stets wird einem ein alternativer Blickwinkel ermöglicht; der Fokus auf etwas, worüber man sich noch nie wirklich Gedanken gemacht hat.
Der eigentliche persönliche Teil der Geschichte, wo Barnes die Phase nach dem Tod seiner Frau reflektiert, scheint mir jedoch irgendwie nicht ganz zu der einleitenden Geschichte zu passen – oder andersherum. Ich kann mir vorstellen, dass sich Barnes hier eine große Last herunterschreiben wollte, allerdings lenkt die Geschichte über die Ballonfahrt doch eher ab, als dass sie die Gedanken des Autors in metaphorischem Zwecke zu unterstützen versteht. Natürlich ist auch das Thema des Todes eines langjährigen Partners ein Thema, mit dem ich mich in meinen jungen Jahren noch nicht sehr auseinandergesetzt habe. Über den Tod an sich denke ich zwar schon nach, allerdings habe ich mich noch nie gefragt, wie es wohl als Witwer sein muss, wenn einem von einem Tag auf den anderen ein Mensch fehlt, der im Falle von Barnes 30 Jahre lang tagtäglich ein zuverlässiger Ansprechpartner an der Seite war. Barnes hat es doch geschafft, seine Gedanken so zu vermitteln, dass ich ein sehr konkretes Bild gewinnen konnte; davon, welche Stufen zumindest er durchwanderte, wie alles nach dem ersten Jahr unerwarteterweise nicht wirklich besser wurde, wie ehrlich er die für sein Verständnis unpassenden Kommentare von Freunden und Bekannten aufgefasst und formuliert hat. Er beschreibt seine Gedanken sehr nachvollziehbar. Manch einer sagt womöglich, er sei zu sehr auf einem Ego-Trip, zu egozentrisch, zu selbstbemitleidend; aber wer sind diese Leute schon, um den persönlichen Umgang Barnes‘ mit dieser harten Erfahrung beurteilen zu können? „Er müsste doch mittlerweile darüber hinweg sein“ kann jeder sagen; doch ich glaube wirklich, dass die wenigsten, die solche Aussagen treffen, ein Verständnis dessen haben, wie es in dem Menschen selbst aussieht, wie sehr er an solch einem Erlebnis zu kämpfen hat. Ich will damit nicht sagen, dass ich auf eine ähnliche Situation vorbereitet wäre, denn ich glaube, niemand kann das wirklich sein (so schreibt es auch Barnes). Auch kann ich das Buch nur bedingt weiterempfehlen. Es mag daran liegen, dass ich noch so jung bin; mag es daran liegen, dass ich noch nichts Anderes von Barnes gelesen habe und dieses persönliche Werk ein denkbar schlechter Einstieg ist. Dennoch merkt man, auch an der geschriebenen Sprache, dass Barnes den Literaturbegriff tatsächlich begreift. Er versteht sein Handwerk, und insofern kann ich die gleichlautende Bemerkung auch des Literarischen Quartetts nachvollziehen. Für Hardcore-Barnes-Fans muss dieses Buch offensichtlich im Regal stehen; für Einsteiger ist vermutlich ein anderes Buch zum Heranfühlen an den Autor besser geeignet.

Kiepenheuer & Witsch, 143 Seiten
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
ISBN: 9783462047271

Wertung: 6 / 10

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