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Montag, 5. Juni 2017

Jorge Luis Borges – Die unendliche Bibliothek (1923-1983)



               


Phantastische Literatur, magischer Realismus, Erneuerer der spanischen Literatur, der wichtigste argentinische Schriftsteller, das Nichtbekommen des Literaturnobelpreises, der blinde Bibliothekar – auf diese Schlagworte trifft man im Zusammenhang mit Borges immer und immer wieder. Einer meiner absoluten Lieblingsschriftsteller ist der Japaner Haruki Murakami, der es nahezu perfekt versteht, magisch anhaftende Geschichten zu erzählen, in denen die Grenzen zwischen Realität und Vorstellung fließend sind.
Auch die surrealistischen Geschichten von Kafka mag ich sehr, und so war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis ich in diesen Gefilden auch über den Namen Borges stolperte. Von den überschwänglichen Huldigungen angefeuert musste ich mir schnell einen Sammelband mit über 50 Erzählungen, Kurzgeschichten, Essays und Gedichten des Schriftstellers bestellen (ich fand eine schöne Ausgabe im handlichen Fischer Taschenbuchformat) und war höchst gespannt. Der Anfang gestaltete sich etwas holprig. Auf vierzig Seiten wird über Vor- und Nachzüge unterschiedlicher Übertragungen der „Tausendundeine Nacht“ in verschiedene Sprachen philosophiert; anderswo werden irgendwelche Begebenheiten aus der Erinnerung von Borges erzählt, Gedanken und Gesprächsfetzen und Zitate irgendwelcher spanischen oder argentinischen Menschen, von denen kaum jemand je gehört haben dürfte; dazu Fußnoten, die diesen Menschen ständig Werke und weiterführende Gedanken zuschreiben. Die Sprache ist eher unzugänglich, bisweilen umständlich (was allerdings auch an der Übersetzung liegen könnte, das kann ich nicht beurteilen). Ich habe dann nochmal über den Autor nachgelesen und herausgefunden, dass gerade diese Art seine besondere Schreibkunst war – er hatte offenbar ein so gigantisches Allgemeinwissen, dass es den Lesern kaum möglich ist, herauszufinden, ob die von ihm erwähnten Figuren tatsächlich existierten und nur er sie kannte, oder ob sie nur reine Erfindungen sind. Bei anderen Geschichten sind die behandelten Themen und Figuren dann wieder sehr bekannt und offensichtlich real. Beim Lesen dachte ich zuerst wirklich, dass die ersten Geschichten mehr eine Art Tagebucheinträge waren, und noch keine echten Erzählungen. Nach der Recherche musste ich diese Eindrücke jedoch überdenken und erkannte tatsächlich eine gewisse Raffinesse, insbesondere in der ständigen Arbeit mit Fußnoten, dem vermeintlichen Erfinden von irgendwelchen Personen zugeschriebenen Werken und Gedanken.
Borges schrieb kaum längere Prosa; fast alle seiner Texte erstrecken sich auf nur wenige Seiten. Umso wichtiger ist dabei, jedes einzelne Wort nach der Wichtigkeit abzuwägen und entsprechend zu platzieren. Bei den Geschichten hat man auch genau dieses Gefühl – wenige bis keine Worte gibt es in den Texten, auf die verzichtet werden könnte. Unter den Kurzgeschichten gibt es ein paar, die mir besonders gut gefallen, darunter „Pierre Menard, Autor des Don Quijote“ (ein womöglich erfundener Mensch schreibt nach Jahrhunderten den Don Quijote Wort für Wort nach und verändert damit die Bedeutung der Worte, weil er ein anderer Mensch ist), „Die kreisförmigen Ruinen“ (ein Mann erträumt einen in die Realität wandernden Menschen, bis der träumende Mann feststellt, selbst nur ein Traum zu sein), „Die Bibliothek von Babel“, „Averroes auf der Suche“, „Das Aleph“ (es gibt einen Punkt in einem Keller, in dem man bei den richtigen Umständen das gesammelte Universum betrachten kann), „Das geheime Wunder“, „Der Süden“, „Everything and Nothing“, „Borges und ich: An Leopoldo Lugones“. Die kurzen Zusammenfassungen dürften einen groben Einblick in die Thematiken von Borges erlauben: Stets geht es um Einsamkeit und Träume, versetzt mit vielerlei sehr persönlichen philosophischen Betrachtungen, die sich zum größten Teil wiederholt auf Dantes Göttliche Komödie, Schopenhauer, Berkeley, Hume und Homer stützen. Auch ergeht sich Borges gern in Gedankenspielereien über mögliche philosophische Konstrukte, wie etwa die unendliche Bibliothek, in der alles irgendwie Schreibbare in einem der Bücher niedergeschrieben steht, oder in der theoretischen Möglichkeit von Sprachen ohne Substantive (in „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“). Ein Beispiel der beeindruckenden Sprache, die dabei verwendet wird möchte ich hier in Form des ersten Satzes von „Die kreisförmigen Ruinen“ zitieren (selbiges wird auch im ausführlichen Nachwort, verfasst vom ehemaligen Vorleser des blinden Borges, erwähnt):
„Niemand sah ihn an Land gehen in der einmütigen Nacht, niemand sah das Bambuskanu im heiligen Schlamm versinken, aber einige Tage später wussten alle, dass der schweigsame Mann aus dem Süden kam und dass seine Heimat eines der zahllosen Dörfer flussauf war, an der schroffen Flanke des Gebirges, wo das Zend noch nicht vom Griechischen angesteckt wurde und wo die Lepra selten ist.“ (S. 127)

Die anschließenden Essays waren ebenfalls interessant zu lesen, für meinen Geschmack jedoch ein wenig zu philosophisch. Sehr philosophische Texte mag ich nicht immer gern, oder nur in der richtigen Stimmung. Zur Orientierung drei Namen der Essays, die der kleine Band beinhaltet: „Von der Allegorie zum Roman“, „Beatrices letztes Lächeln“ (bezieht sich auf eine Stelle von Dante), „Die Sphäre Pascals“. Der für mich interessanteste Essay lautet „Neue Widerlegung der Zeit“, in der er das Konstrukt der Zeit, ja, eben zu widerlegen versucht.  Diese Gedankengänge sind durchaus spannend, aber eben auch sehr philosophisch; hier eine Passage daraus:

„Mit anderen Worten: ich leugne, mit den Argumenten des Idealismus, die weite Zeitfolge, die der Idealismus gelten lässt. Hume hat die Existenz eines absoluten Raumes geleugnet, in dem jedes Ding seinen Ort hat; ich leugne die Existenz einer einzigen Zeit, in der alle Tatsachen miteinander verkettet sind. Die Koexistenz zu leugnen ist nicht weniger schwierig, als die Sukzession zu leugnen.“ (S. 355)

Auch die Stelle in selbigem Essay, in der Borges von seinem schlendernden Ausflug zu einem Grenzbezirk schreibt, wo er im Anblick der Landschaft und der Umgebung förmlich das gleiche Bild dreißig Jahre in der Vergangenheit sieht, ist höchst lesenswert und faszinierend.

Zuletzt bleiben noch die Gedichte. Auch diese fand ich zunächst eher unzugänglich, eher in freien Versen geschrieben, was jedoch ebenfalls wieder an der Übersetzung liegen mag. Ich bin kein besonders guter Gedichtanalyst – ich lese sie und entscheide aus dem spontanen Gefühl heraus, ob sie mir gefallen oder nicht, ohne dabei jede Einzelheit verstanden haben zu müssen oder gar zu wollen. Besonders gelungen fand ich insbesondere die Gedichte „1964“ (ein sehr düsteres, melancholisches Gedicht), „Grenzen“, „Südstadt“, „Erwachen“, „Odyssee, Buch XXIII“, „Camden, 1892“, „Buenos Aires“. In „Fragmente eines apokryphen Evangeliums“ wird eine Reihe von „Lebensweisheiten“ vorgeschlagen; manch eine davon ist schlagfertig, manch eine sehr klug und weise, und alle regen zum Nachdenken an. Danach folgte noch ein Nachwort des ehemaligen Vorlesers des erblindeten Borges‘, Alberto Manguel. Dieses ist mit etwa 60 Seiten sehr ausführlich und bietet mit vielen Anekdoten nochmals interessante, persönliche Einblicke in Privatleben und Eigenheiten des späten Borges‘.

Was bleibt also zu sagen? So schwer mir der Anfang auch fiel; je länger ich in den Texten Borges‘ herumirrte, desto mehr fühlte ich mich dort wohl und meinte mich beim Lesen fast selbst in einer unendlichen Bibliothek wiederzufinden. Teils ist die Sprache schon unzugänglich und umständlich, aber scheinbar auch sehr bewusst gewählt. Ebenso bewusst muss man die Texte lesen: ein im Tempo gedrosseltes, aufmerksames Lesen ist Pflicht. Wort für Wort ist entschieden gesetzt. Aus jedem Bereich (Erzählungen, Essays, Gedichte) gab es Einzelnes was mir nicht gefiel oder zumindest nicht so sehr zusprach, und sehr viel das ich außerordentlich gut fand. Am Ende ist eine solche Sammlung nicht abschließend, doch einen repräsentativen Einblick in das Hauptschaffen Borges‘ behaupte ich doch erlangt zu haben. Enttäuscht wurde ich unterm Strich keineswegs, ich habe das Gefühl, viel gelernt zu haben und jetzt die phantastischen Geschichten (etwa Murakamis) besser verstehen zu können. Eine klare Empfehlung gebe ich insbesondere für die Kurzgeschichten; die Essays, Gedichte oder manche längere Erzählungen könnten die einen oder anderen Leser womöglich aber eher verwirren.

Fischer Taschenbuch Verlag, 521 Seiten
Aus dem Spanischen von Gisbert Haefs, Karl August Horst, Curt Meyer-Clason, Dieter E. Zimmer, Chris Hirte 
ISBN: 9783596511587


Wertung: 9/10

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