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Montag, 5. Juni 2017

Homer - Odyssee (8. Jhd. v. Chr.)





 
Mit der Odyssee beginnt im allgemeinen die Weltliteratur, wie wir sie kennen. Mit Abstand ist es das älteste Werk, das ich bisher gelesen habe – und das vermutlich überhaupt jemand lesen kann. Es geht dabei um die Rückkehr des Odysseus, der nach dem Kampf um Troja auf vielerlei Hindernisse stößt, während sein Ziel sein Heimatland Ithaka ist. Dort warten sein Sohn Telemachos und seine Frau Penelope auf ihn, wobei in dem Haus des Odysseus viele kräftige und edle Männer um die Hand der Penelope werben. Angesichts der langen Abwesenheit Odysseus' verlangen diese Freier eine Entscheidung Penelopes, wobei sie sich rüpelhaft aufführen und aus den Hausvorräten leben; Penelope und ihr Sohn bergen jedoch im Innersten noch die Hoffnung auf die Rückkehr Odysseus‘.
Telemachos begibt sich also auf die Suche nach Hinweisen über den Verbleib des Vaters, während Penelope die Freier jahrelang unter dem Vorwand hinhält, erst ein prächtiges Gewand für den Totgesagten fertigstellen zu müssen. Am Ende kehrt Odysseus tatsächlich nach Hause zurück, nach Ithaka, und veranstaltet in Zusammenarbeit mit seinem Sohn Telemachos ein hinterhältiges Massaker in seinem eigenen Hause. Die Freier werden sämtlich schonungslos im Haus des Odysseus getötet (nach meiner Erinnerung an anderer Stelle dürfte die Rede von etwa 90 oder 100 gewesen sein); verräterische Mägde aus seinen Bediensteten müssen die Leichen hinfort schaffen und werden dann draußen gehängt. Odysseus wird schließlich der neue König Ithakas.
Seine Geschichte wird dabei in einer vielschichten Erzählung vermittelt; den größten Teil seiner Irrfahrten erfährt man später durch seine eigenen Berichte an Herrscher und vermeintliche Verbündete, während die Geschichte im ersten „Gesang“ (so heißen hier die Kapitel, offenbar, da die Geschichten in der Antike nur durch Sänger weitergereicht wurden) in der erzählten Gegenwart fast am Ende der Irrfahrten beginnt (Abreise von der Insel Ogygia und Verlassen von Kalypso). Immer wieder war ich doch überrascht und auch schockiert über die schonungslose Brutalität – ich rede zum Beispiel von dem Zyklopen, der Gefährten Odysseus‘ auffrisst, und schließlich in einer heroischen Rettungsaktion des Helden sein Auge blind zertrümmert bekommt. Da werden Knochen zermalmt, Hirne auf Boden gespritzt und Blutströme schießen aus Nasenlöchern. So deutlich hatte ich das ehrlich gesagt nicht erwartet – jedoch tut es der Geschichte keinen Abbruch. Die Götter sind menschlich und parteiisch, durch diese Brutalität entsteht ein realistischeres Bild der Dinge: auch in denen fließt nur rotes Blut (auch wenn freilich kein Gott hier in diesem Maße zu Schaden kommt; die Videospielreihe „God of War“ setzt diese Ideen jedoch ausführlich fort). Überrascht war ich auch von der Komplexität der Geschichte und der Erzählstruktur. Wie schon erwähnt, finden viele zeitliche Sprünge statt, viele Dialoge und Rückblenden, Beziehungen entstehen (etwa bei den Phaiaken oder zwischen Telemachos und Menelaos) und Beschreibungen sind wunderbar anschaulich. Tief beeindruckt war ich auch von der Möglichkeit, diese Geschichte rein in dem engen Korsett des Hexameters zu schreiben. Höchstes Lob verdient hier natürlich der Übersetzer Voß, dem jedoch seine Errungenschaft zur Genüge gerühmt wird, denke ich. Jedoch fiel mir auf, dass einige fixe Textzeilen immer und immer wieder vorkamen; die prägnanteste mit Abstand: „Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte“… Ob dies in der ursprünglichen Sprache ebenso geschrieben steht, kann ich nicht beurteilen, allein diese las ich aber bestimmt zehn Mal. Das tut der Sache insgesamt jedenfalls keinen Abbruch. Ich kann verstehen, warum dieses Werk so unfassbar wichtig ist. Oftmals hatte ich nach dem Lesen den tanzenden Hexameter-Rhythmus im Kopf und während dem Lesen Bilder von hypothetischen Gemälden einzelner Szenen – etwa wie Menelaos unter Robbenhäuten versteckt am Strand dem Sohn Poseidons auflauerte. Unzählige solcher malerischen Darstellungen finden sich in dem Buch; und die Gesamtheit aller Bestandteile macht dieses Werk so unschätzbar wertvoll.

Anaconda Verlag, 335 Seiten
Aus dem Griechischen von Johann Heinrich Voß
ISBN: 9783730602911

Wertung: 10/10

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