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Montag, 5. Juni 2017

Henry Miller – Wendekreis des Krebses (1934)




Das also war der schockierende Miller Roman! Viel Aufsehen hat er damals erregt, und das ist keine Untertreibung. Begründet ist dies hauptsächlich mit der unverblümten Darstellung von Sex und der Obszönität (insbesondere auch in der oft vulgären Wortwahl), die vielen Szenen anhaftet. Aber zunächst zum Inhalt: der Ich-Erzähler Henry Miller, von dem man ausgehen muss, dass er tatsächlich aus eigener Perspektive schreibt, reiht lose zusammenhängende Geschichten episodenhaft aneinander. Das Ganze spielt im Paris Anfang des 20. Jahrhunderts.
Viele dieser mal kürzeren, mal längeren Episoden drehen sich um Frauen und um die Existenzängste, die der Erzähler erfährt, da er nicht gut mit Geld umzugehen weiß und ständig durch die Stadt zu stromern scheint. Er übt dabei verschiedene Berufe aus: einmal ist er Typograf, ein Zeichensetzer, der Manuskripte überarbeitet und ganz im Delirium nach fehlenden Kommata sucht, einmal übt er eine Art Botentätigkeit aus, das andere Mal ist er Englischlehrer. Zum Lohn nimmt er an einer Stelle zeitweise jeden Tag eine Flasche billigen Champagner und einen Gratisfick. Die Menschen, die ihn auf diesem Weg begleiten und immer wieder begegnen, heißen unter anderem Van Norden, Carl und Fillmore. Gemein haben diese Personen grundsätzlich, dass sie als hoffnungslose Lüstlinge dargestellt werden, ständig nur darauf bedacht, die nächste Frau flachzulegen. Lediglich letzterer, Fillmore, scheint mir eine interessante Person zu sein; er landet im Irrenhaus und steht unter der Fuchtel seiner Frau, bis er sich entschließt, dem in einer großen Ausbruchsepisode zu entfliehen. Ja, in der Tat wurde ich schnell gelangweilt von der Handlung, auch wenn die Wortwahl wirklich sehr obszön ist – damit schaffte es Miller nicht, mich interessiert zu halten. Die häufige Darstellung von solch polarisierenden Szenen – es wirkte alles so wahnsinnig gezwungen, so gewollt provokativ, als wollte Miller den Roman einzig aus Provokation schreiben, der Gesellschaft zeigen, dass er keine Angst davor hat, die verbotenen Worte auszusprechen. Die Figuren waren alle eintönig und flach, bestanden in Freud’schem Sinne nur aus Trieben, nur Es und kein Ich… Dennoch, und es ist überraschend, auch für mich, das zu schreiben: es machte auf eine seltsame Art und Weise süchtig weiterzulesen. Wirklich! Das liegt daran, dass Miller neben seinen obszönen Geschichten so viel mehr hineinschreibt; sehr ernste, philosophische Gedanken liegen in den Zeilen, auch eine gewissermaßen esoterische Gesinnung erkenne ich, als er einmal eine zur Natur zurückkehrende Gesellschaft und Menschheit herbeisehnt. Auf den ersten Blick springt einem aus den Seiten Hass entgegen, Verachtung gegen die gesellschaftlichen Gepflogenheiten, Hass gegen Snobismus – und ich glaube, dass dieser Hass auch in dem Werk vorherrscht. Es ist von einem ständigen Pessimismus, einem negativen Grundton geprägt. Aber hin und wieder funkeln einzelne Gedanken hervor, einzelne Formulierungen, die ich immer und immer wieder lesen musste, weil ich sie so gut geschrieben fand. Miller war nicht nur provokant, er konnte auch sehr poetisch schreiben.
Wenn ich an meine Lektüre von Charles Bukowski („Der Mann mit der Ledertasche“, „Das Schlimmste kommt noch“) zurückdenke, komme ich nicht umhin, in seinem Werk den faden Versuch einer Kopie zu erkennen. Bukowski scheint mir wie Miller, nur auf dessen provokante Züge reduziert und mit einem schmalen Rest von philosophischen Randgedanken. In ähnlichen Gefilden sehe ich auch Louis-Ferdinand Célines „Reise ans Ende der Nacht“; nur dass ich diesen Roman von vorn bis hinten mit großem Vergnügen las. Ja ich bin sicher, der Stil von Céline ist mir der liebste von den dreien.
Nun, kann ich den „Wendekreis des Krebses“ also weiterempfehlen“? Ich bin mir nicht sicher. Das Buch hat offenbar eine große Bedeutung in der Literaturgeschichte, in der Geschichte der amerikanischen Moderne usw. George Orwell hat das Buch seiner Zeit in den höchsten Tönen gelobt habe ich gelesen; seinen entsprechenden Essay dazu werde ich mir bei Gelegenheit zu Gemüte führen. Allerdings glaube ich, dass die verstrichene Zeit viel der Provokation des Buches eliminiert hat. Mittlerweile, im Jahr 2017, ist die Hemmschwelle, über diese Tabuthemen des Buches zu reden fast nicht mehr existent (wenn auch vielleicht gerade wegen dieses Buches?). Es ist ein gutes Buch, kein Zweifel daran; doch fand ich die Aufbereitung und die ständige Wiederholung derselben Themen schnell langweilig. Zeitlos geblieben sind aber die kleinen Zwischenepisoden, in denen interessante Gedankengänge verfolgt werden, die so also auch heute noch spannend sein können.

Bertelsmann (mit Genehmigung des Rowohlt Verlags), 319 Seiten
Aus dem Amerikanischen von Kurt Wagenseil

Wertung: 6/10

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